Home

Taglist:

Allgemein
Konzertbericht

Bands
Jonathan Wilson
Wilco

Locations
Alte Oper



Datum: 08.11.2011

Wilco in Frankfurt

Rockmusik in höchster Vollendung

Frankfurt (m2w)    Nur wenige Stationen absolviert die amerikanische Rockband Wilco in Deutschland während der laufenden Tournee zum neuen Album "The Whole Love". Heute Abend steht die Finanzmetropole am Main, die als einzige deutsche Stadt über eine wenigstens ansatzweise vergleichbare Hochhaus-Silhouette wie Chicago, die Heimatstadt der Band, verfügt, auf dem Terminkalender. Den benachbarten Wolkenkratzern zu Füssen liegt die Alte Oper. Ein durchaus gediegenes Ambiente für eine von Kritikern seit Jahren immer wieder etwas hilflos mit der Etikette "independent" versehene Band. Künstlerisch unabhängig ist sie jetzt tatsächlich, nachdem sie unter dem eigenen Label dBpm arbeitet.


Pünktlich um 20:00 beginnt das Konzert mit Jonathan Wilson. Seine Band spielt ein exakt dreiviertelstündiges Set.
Fotos zum Konzert
Homepage von Wilco
Die Musik bewegt sich in ihrer Bandbreite zwischen Country, Blues und Rock. Die Stimme von Jonathan Wilson weckt Erinnerungen an den jungen Neil Young der frühen 1970er Jahre und einen auf psychedelischen Pfaden wandelnden Syd Barrett. Das Publikum goutiert den überzeugenden Auftritt der sechsköpfigen Band entsprechend. Nach Wilsons abschließendem Soloauftritt als Troubadour mit Akustikgitarre ist allerdings unmissverständlich Schluss. Keine weitere Zugabe am heutigen Abend, aber ganz bestimmt einige Fans mehr, die auch seine Karriere weiterverfolgen werden. Der Support darf somit als exzellente Wahl und perfekt abgestimmt auf das sich anschließende Konzert von Wilco bezeichnet werden.

Um 21:15 betreten Jeff Tweedy und seine Band die vorbereitete und erfolgreich angewärmte Bühne. Sie beginnen mit One Sunday Morning, ausgerechnet mit dem Schlusstitel des neuen Albums. Vergleichsweise entspannte, aber höchst raffinierte Lagerfeuermusik von nahezu zwölfminütiger Dauer, die man sich ebenfalls am Ende ihres zweistündigen Konzertes hätte vorstellen können. Doch die Dramaturgie des Konzertes geht dennoch auf. Nach Poor Place folgt bereits das wilde - mit Loops und Blubbern durchsetzte - Art Of Almost, der zunächst verstörende Opener von "The Whole Love". Die irrwitzige Lightshow lässt den Bühnenauftritt geradezu infernalisch erscheinen.

Im Folgenden erwartet das Publikum eine außerordentlich stürmische Tour durch das musikalische Gesamtkunstwerk Wilco, natürlich unter besonderer Würdigung des aktuellen Albums. Der schlacksige Nels Cline, der wie ein Derwisch seine elektrische Gitarre bearbeitet, der untersetzte Jeff Tweedy, heute im karierten, dabei vollkommen unmodischen Jackett, prägen auf besondere Weise den Gitarrensound der Band. Es gibt eben keinen Kleiderzwang, keine überkommenen Konventionen bei Wilco, außer den schier unermüdlichen Willen nach musikalisch künstlerischer Vollendung des gemeinsamen Projektes.

Diese versierten Musiker spielen zusammen Rockmusik mit einer Intensität und gleichzeitig mit einer Leichtigkeit, die die Band derzeit auf unserem Planeten einmalig erscheinen lassen. Rockmusik befreit von Raum und Zeit in der wunderbaren Farbigkeit des Herbstlaubes, die einen Moment später schon einen Herbststurm entfacht, der alle Blätter fliegen lässt.

Das musikalische Feuerwerk wird zunächst ohne großartige Ansagen gezündet. Erst eine kleine technische Panne an seiner Gitarre sorgt situationsbedingt für eine intensivere Kontaktaufnahme Tweedys zum Publikum. Zum Ende des Konzertes wird er das sehr disziplinierte Auditorium - der Große Saal der Alten Oper ist bestuhlt - zum Aufstehen animieren. Denn nur dann könne man Rockmusik wirklich im Herzen spüren. Recht hat er.

Das Sextett bewegt sich so sicher und versiert in seiner Wilcoworld, dass angestrengte Versuche einer typologischen Einordnungen schwer fallen und eher zu Missverständnissen und  Fehlinterpretationen führen müssen.
Die gewählte Kunstform ist vielleicht am einfachsten zu beschreiben als Rockmusic at the state of art - der höchsten Entwicklungsstufe, die man sich für dieses Genre vorstellen kann.

Passenderweise haben sie das neue Album denn auch The Whole Love, zu Deutsch "das volle Geständnis" genannt. Die Band weiß offensichtlich, dass sie gemeinsam einen weiteren Gipfel erklommen hat.

Steigerungen scheinen nun kaum mehr vorstellbar. Bleibt also nur zu hoffen, dass die Band in dieser unglaublichen Konstellation noch einige Jahre weiter spielen wird. Das wäre dann immerhin Stabilisierung auf höchstmöglichem Rocklevel.

Mit A Shot In The Arm beenden Wilco ihr grandioses Konzert in der Alten Oper. "What you once were isn't what you want to be any more." Unzufriedenheit als Motor der Kreativität. Der umtriebige Jeff Tweedy wird im Gegensatz zum heute restlos begeisterten Publikum wohl nie ganz zufrieden sein können.

von Gerald Langer