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Konzertbericht

Bands
Blond
Kraftklub

Locations
Seidensticker Halle



Datum: 03.03.2018

Kraftklub in der Seidensticker Halle

Keine Nacht für Bielefeld

Bielefeld (m2w)    Am vergangenen Wochenende gab es keine Nacht für Bielefeld. Kraftklub kamen in die Seidensticker Halle und präsentierten eine wohl dosierte Mischung aus Kritik und Selbstkritik verpackt in Pop-Rock und Rap.

Keine Nacht für Bielefeld: Kraftklub spielten in der Seidensticker Halle. Foto: Bastian Sylvester

Wer sich die Band mit K am winterlichen Samstagabend angucken wollte, musste erst einmal an der endlos
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wirkenden Schlange, die neben der Halle verlief, vorbei. Denn erst relativ weit vorne sah man, dass es noch drei weitere Schlangen gab, die ungefähr ein Zehntel so lang waren und in denen man den idealen Zeitraum – also gerade so ein Bier, aber keine Erfrierungen – warten konnte. Wie bei dem Wetter nicht anders zu erwarten, ließ auch die Schlange vor den Garderoben nicht zu wünschen übrig und viele bedienten sich der riskanten aber Stress ersparenden Variante der ‚Ich leg die jetzt mal hier hin und gucke ab und an rüber‘-Strategie. Zwei Bier und ein paar „Ich will nicht nach Berlin“-Ausrufe später kam der Sänger Felix auf die Bühne, um ihre Vorband anzukündigen. Blond. Und als die drei in komplett weiß gekleideten Menschen auf die Bühne traten – die Schlagzeugerin und die Gitarristin/Sängerin mit Schleier – bestätigte sich meine erste Assoziation, die ich bei dem Namen hatte. Eine hippe Mischung aus Blondie und 4 non Blondes. Die Musik war dem Publikum am Anfang anscheinend etwas zu schräg, wobei mir die I don’t care less – Stimme der Sängerin tendenziell gefiel und das leicht ambiente, drückende Spiel der Band meinen Geschmack traf. Entsprechend der Musikrichtung der Mainband, ging die Stimmung dann doch bergauf, als aus dem flippig Düsterem etwas Pop hervorging und überzeugt haben sie den standhaften Rest mit einem quirligen MashUp aus der Hip Hop/Pop-Welt und einem kleinen Gastauftritt Kraftklubs, die zu „Ameno Domine“ in Bischof- und Stripperpolizistverkleidung über die Bühne schritten. Nicht mehr verwunderlich, mit einer Band auf Tour zu gehen, die musikalisch vielleicht nicht den genauen Geschmack der eigenen Fans trifft, ist es, wenn man erfährt, dass die beiden jungen Frauen der Blonds die Schwestern vom Sänger Felix und Bassist Till Kummer sind.

Nach einer kurzen Umbauphase traten die Klubjungs zu AC/DCs TNT auf die Bühne, klassisch in schwarzweißrot und begannen die Show mit dem „Keine Nacht für Niemand“-Song aus dem gleichnamigen 2017 erschienenen Album. Mit „Spring aus dem Fenster“ ging es weiter, ein Text, der doch an der einen oder anderen Ecke für Diskussionen gesorgt hatte. Menschen aufzufordern, sich in den Freitod zu stürzen, war wohl doch etwas gewagt, selbst wenn man lediglich von Pegida-Anhängern sprach. Das hielt das Publikum auch nicht ab, lauthals mit zu singen und mit „Eure Mädchen“, dem ersten Song ihres ersten Albums unter Vertigo Records, hatten sie dann auch die alteingesessenen Fans auf ihrer Seite. Felix bediente sich der sängertypischen Freiheit und sprang auf den Boxen herum, wobei er nicht nur Taktgefühl, sondern auch extrem zuverlässige Reflexe bewies, als er die Attacke eines Bierbechers abwehrte, so als würde er nebenberuflich bei einer Handballmannschaft im Tor stehen. Nachdem „Mein Leben“, „Wegen dir“ und „Liebe zu dritt“, trotz Upbeat und Stimmung irgendwie heruntergespielt wirkte, war es eine gute, wenn auch einstudiert wirkende Abwechslung, als ein Glücksrad auf die Bühne geholt wurde, so wie ein Mensch aus der Menge, um den nächsten Song per Zufall auszuwählen. Eindeutig begeistert von dem Ergebnis war das Publikum und Sveija durfte zu den ersten Takten von „Irgendeine Nummer“, einem Bonustrack des „Mit K“-Albums – laut eigener Aussage das erste Mal – stagediven. Mit „Fan von dir“ wurde nun wieder ein Lied des neuen Albums angestimmt, mit einem Text, der sich durch episch verspielte Liebesliedreferenzen mit dem Fantum einer Verlierermannschaft auseinandersetzt. Nach „Unsere Fans“, eine ironische Hommage an eine alternative Szene, dessen Vertreter bekannte Bands aus Prinzip nicht mehr hören möchte, und „Wie ich“, ein passender Spiegel der latent depressiven, sich selbst nie genügenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen, kam als Gastauftritt die Vorband Blond noch mal auf die Bühne und performten einen der bekanntesten Indiepopsong der 2000er: Rock’n’Roll Queen von The Subways. Da Kraftklub neben ihren gesellschaftskritischen Elementen auch sehr viel an Herzschmerzbrühe zu bieten haben, wurde danach zu „Am Ende“ getanzt. Lyrics, die vielleicht einfach sind, aber damit zumindest so ziemlich jeden ansprechen, der schon einmal aus Liebeskummer einiges an Tabak und Alkohol vernichtet hat. Um mit dieser Stimmung zu brechen, machen sie’s aber danach ganz richtig und heizen mit „Die Band mit K“ ein, eine Single des neuen Albums, in dem sie sich über die Maße selbst loben, ein Masche, die auch schon bei Bands wie K.I.Z. geklappt hat (mit „Wir“), also warum nicht und dazu Felix in der Bischofsrobe und wie gewohnt auf den Boxen. Weiter ging es dann mit „Karl-Marx-Stadt“, mit Becks Loser-Melodie und wer kann es den Jungs verdenken – wenn ich in einer Stadt geboren wäre, die früher Karl-Marx-Stadt geheißen hätte (die Jungs kommen alle aus Chemnitz), würde ich auch ständig darauf herumreiten. Die Ansprache danach zum Thema AfD und Rassismus und dass man Stellung beziehen sollte, wenn man schon ein Mikro in der Hand hat, war sicher ernst gemeint und aus Überzeugung gesprochen, kam leider aber eher wie eine Leier daher, die sich in jede ihrer Shows schleicht. Fast schon wie ein Running Gag denn ein politisches Statement. Schien das Publikum nicht gestört zu haben, die hatten damit eine Ausrede für anhaltendes „Nazis raus“-Gerufe, was nun wirklich niemandem abzusprechen sein sollte. Passend zu der Ansprache wurde dann „Schüsse in die Luft“ angestimmt, ein Lied, das so sehr an „Deine Schuld“ von den Ärzten erinnert, dass schon in der zweiten Zeile Farin Urlaub zitiert wird. Dem soll die Message damit aber nicht abgesprochen werden, denn mit Zeilen wie „Die Revolution oder Berlin Tag und Nacht“ oder „Mit 390 Euro Hartz kommt man nicht weit im Biomarkt“, spricht die Band noch mal einen moderneren Zeitgeist an und verweist so ein bisschen auf die Komplexität des Rebellierens oder Nichtstuns, die von vielen anderen Musikern zu vereinfacht dargestellt wird. Ihrem Motto Gesellschaftskritik/Herzschmerz treu bleibend, wurde dann das Publikum aufgefordert die Handytaschenlampen anzuschalten, was bei der Größe der Halle notgedrungen beeindruckend aussah und „Kein Liebeslied“ gespielt, das ähnlich wie „Am Ende“ vielleicht kein textliches Wunderwerk ist, jedoch die Abneigung, tiefe Gefühle nicht aussprechen zu können aus geheuchelter Resignation der großen Liebe an sich gegenüber, bezaubernd auf den Punkt bringt. Darauf folgte ein Wir-wollen-möglichst-viele-Lieder-spielen-MashUp mit „Liebe“, „Dein Lied“, „Für immer“ und „Deine Gang“. Etwas traurig hat es mich dann doch gestimmt, dass gerade von „Dein Lied“, das musikalisch so beeindruckend aus dem neuen Album heraus sticht und durch seine Wortwahl entzückend ehrlich wirkt, nur der Refrain gespielt wurde. Ähnlich platt wie die AfD-Ansprache wirkte die Überleitung mit einem klassischen Ossibananenwitz. Zumindest machten sie es mit einer satirischen Rapeinlage „500 K“ und „Chemie Chemie Ya“, einem durchaus kritischen Song zu der exzessiven und unreflektierten Drogenkultur, wieder gut. Nach einer Pause, die mit Zugabe-Rufen gefüllt wurde, ließ die Band sich auf einer Minibühne in das Publikum rollen und spielte auf ihrem Weg durch die Menge das heiß ersehnte „Ich will nicht nach Berlin“ und „Randale“, um danach ein Wettcrowdsurfen zu veranstalten, das sie nach eigener Aussage, selber erfunden haben sollen. Schon auf der kleinen Bühne, hatte man den Eindruck, dass die Band neue Energie gefasst hat, vielleicht durch die Nähe zum Publikum und sie wirkten im Gegensatz zu ein paar heruntergespielten Songs während des Konzerts, viel engagierter, ausgelassener und persönlicher. Und auch wenn der nächste Track „Blau“ vom „In Schwarz“-Album wieder einmal das Betrinken beim verliebtsein thematisierte, hatte man das Gefühl, die Band hat jetzt zum Abschluss noch mal richtig Bock bekommen. Zum Finale dann, wer hätte es gedacht, eine ausgedehnte Version von „Songs für Liam“, das durch das „Nanana“ im „Hey Jude“-Stil unterbrochen und vom traditionellem T-Shirt ausziehen begleitet wurde.

Generell ein Abend mit vielen Hochs und Tiefs und einer Band, die es tendenziell versteht, sowohl Gefühlswelten als auch gesellschaftliche Missstände in Worte zu fassen. Jedoch zeitweise zu sehr in eine einstudierte Show abdriften. Was schade ist. Denn man hat gemerkt, was etwas Herz und Laune an musikalischem Entertainment ausmachen kann. Nichtsdestotrotz würde ich wieder zu dieser Band abgehen, und zwar, wie Felix schon sagte, ob wieder in der Seidenstickerhalle oder vielleicht mit weniger Fans im Rilo oder Stereo. Dass ihm das relativ egal ist, kaufte ich ihm sogar ab.

von Sarah Lentz