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Konzertbericht

Bands
Das Paradies
Kettcar

Locations
Ringlokschuppen



Datum: 09.02.2018

Kettcar in Bielefeld

Oliver hat sein Studium endlich geschafft

Bielefeld (ml)    Nachdem Kettcar schon im letzten Jahr ein kleines, intimes Mini-Konzert vor 200 Personen in Lemgo gegeben haben, um sich bei den Filmstudenten der FH Ostwestfalen-Lippe zu bedanken, kam die Hamburger Band nun für einen regulären Auftritt in den Ringlokschuppen Bielefeld.

Kettcar sind aus der Bandpause zurück. Foto: Marcel Linke

Bevor Kettcar auf die Bühne gingen, gab es aber erstmal ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Simon
Fotos zum Konzert
Homepage von Kettcar
Homepage von Das Paradies
Frontzeck, der in der letzten Tomte-Besetzung am Keyboard gespielt hatte, war beim Support von Kettcar auch am Keyboard mit auf der Bühne. Das Paradies nennt sich die Band, deren Frontmann Florian Sievers ist, besser bekannt als Sänger von Talking To Turtles.
Die Musik von Das Paradies erinnert dann auch tatsächlich an eine Kreuzung aus Tomte beziehungsweise Thees Uhlmann und artverwandten Musikern, wie Bosse. Alles gemischt mit einer gehörigen Packung Indie-Pop.

Nach einer halben Stunde Umbaupause gingen dann auch Kettcar auf die Bühne. Nachdem Frontmann Marcus Wiebusch sein erstes Soloalbum angekündigt hat und die Pause von Kettcar immer länger geworden ist haben die Bielefelder nichts sehnsüchtiger erwartet als ein Konzert dieser Band in Bielefeld mit neuem Album. Aber, im Gegensatz zu Tomte ist dieses nun glücklicherweise wirklich nur eine Pause gewesen. Letztes Jahr im Oktober erschien ihr fünftes Album "Ich vs. Wir". Die Tour danach: obligatorisch!
Von diesem Album ist dann auch der erste Song, der dem Konzert eine ruhige Einleitung gönnt: "Trostbrücke Süd". Danach zündet die Band um Marcus Wiebusch aber erst einmal Knaller. Die Klassiker "Balkon Gegenüber", "Graceland" und "Money Left To Burn" werden direkt zu Beginn und direkt zu Anfang ausgepackt und gespielt.
Zwischen den Songs branden immer wieder "Kettcar, Kettcar"-Rufe auf. Das ist zwar schön und gut. Passt aber nicht so wirklich zu dieser Band, die mit ihrem Understatement auf der Bühne die Coolness pur ist. Trotzdem hat die Band im Vergleich zu ihrer letzten Tour aufgefahren. Der Bühnenhintergrund ist nun mit Screens bestückt, die neben Lichteffekten auch di Musikvideos zu einzelnen Songs zeigen.

"Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)" ist wohl dann für viele der Besucher im Raum ein Höhepunkt im Saal. Die erste Singleauskopplung des aktuellen Albums hat ein Video bekommen, welches von Studenten der FH Ostwestfalen-Lippe produziert worden ist. Natürlich haben diese es sich nicht nehmen lassen zum Konzert zu kommen und natürlich wird das Video auch auf den Screens gezeigt. Insgesamt ist das neue Album politischer geworden, als Kettcar bisher waren. "Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)" handelt von einer Flucht aus dem damaligen Ostblock in den Westen. Bezogen auf heute betont Marcus Wiebusch ganz klar und ironisch, dass Zäune unglaublich viel Frieden herstellen. Angesichts dessen, dass Grenzen wieder schwer bewacht werden und werden sollen, um Leidende einfach nur aus unserem Blickfeld zu halten ist Marcus Wiebuschs Aussage einfach nur unglaublich gut. "Wagenburg" spricht dann auch direkt diejenigen an, die neue Zäune in Europa errichten wollen.

Zurück zu fröhlicheren Themen kommt dann aber auch erstmal ein Liebeslied-Block, den Kettcar einschieben: mit "Rettung" ein Song mit Happy Ende, mit "48 Stunden" ein Song ohne Happy End und mit "Balu" ein Song eigentlich auch mit Happy End. Ein weiteres fröhliches Thema ist dieses, welches Reimer Bustorff, Bassist der Band anspricht. Seit Jahren kennt man schon die Anekdoten seines Freundes Oliver. Westfälisches Urgestein, mittlerweile in Hamburg lebend. Mitstudent an der Uni Bielefeld. Ja, jetzt ist es raus. Reimer war laut eigener Aussage zu Studienzeiten in Bielefeld. Kein Wunder, wieso er der Stadt so verbunden ist und ihre Straßen aufzählen kann. Nun ja die frohe Botschaft: Oliver hat nun endlich auch den Abschluss geschafft. Und das nach gefühlt 30 oder 40 Semestern.

Neben Ausflügen hin zu Liebesliedern merkt man dann aber doch, wie gut sich die neuen Songs, obwohl vermeintlich politischer geprägt ins Set einpassen. Auch auf den älteren Alben hatten Kettcar schon immer Songs, die auch eine wichtige Aussage hatten: "Tränengas im High-End-Leben" oder "Kein außen mehr". Die Aussage ist auf dem aktuellen Album mit Liedern, wie "Mannschaftsaufstellung" nur deutlicher, als damals noch zu gesellschaftskritischen Songs, wie "Deiche", mit dem Kettcar dann auch in die Zugabenpause gehen.

Die politische Deutlichkeit der neuen Songs ist dabei wahrscheinlich der neuen Art des Songwritings von Marcus Wiebusch seit seinem Soloalbum geschuldet. "Der Tag wird kommen" beschäftigt sich mit dem Thema Homosexualität im Profifußball, stammt von eben diesem Soloalbum und wurde von Kettcar dann in der Zugabe zum Besten gegeben, bevor es mit "Ich danke der Academy" in Richtung Ziellinie ging und mit "Landungsbrücken raus" eigentlich Zeit war noch ein letztes Mal zu winken.

Und obwohl der Song mittlerweile eigentlich den Schlusspunkt von Kettcar-Konzerten markiert wollte das Publikum noch mehr hören. Es wurde laut nach einer weiteren Zugabe verlangt. Die kam dann auch. Für einen Song kamen Kettcar nochmal auf die Bühne: "Den Revolver entsichern" - eine Art "Kopf hoch und haltet die Ohren steif.", welches Kettcar dem Publikum noch mit auf die Reise geben wollten.

Ja, man kann es behaupten: Kettcar sind wieder da. Mit allen ihren Liedern, mit allen ihren Geschichten und mit allen ihren schrulligen Anekdoten. Die Band und die Musik machen einfach Spaß und das auch noch fünf Jahre nach den Konzerten vor der Bandpause. Nur heute mit etwas mehr grauen Haaren.