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Konzertbericht

Bands
Adel Tawil
Clueso
Eric Burdon
Helge Schneider
Udo Lindenberg

Locations
Commerzbank Arena



Datum: 18.07.2015

Udo Lindenberg in Frankfurt

Ein Panikpräsident auf der Welle seines Erfolges

Frankfurt am Main (ml)    Am vergangenen Samstag fand die Paniktour in der Frankfurter Commerzbank Arena ihr vorläufiges Ende. Udo Lindenberg hat noch einmal eingeladen und Clueso, Helge Schneider, Adel Tawil, Eric Burdon, das Panikorchester und 45.000 Besucher sind in das Stadion der Eintracht gekommen.

Ein seltener Anblick: Udo Lindenberg mal ohne Brille. Foto: Marcel Linke

Dieser Bericht über das Konzert von Udo Lindenberg in Frankfurt wird wohl kein Standardbericht über Udo Lindenberg, wie man ihn gerade sonst so häufig liest. Berichte, die den aktuellen Udo Lindenberg mit dem Udo Lindenberg der
Fotos zum Konzert
Homepage von Udo Lindenberg
70er Jahre vergleichen, für viele Fans der Zenit des Musikers, kann ich nicht schreiben.

Und dies hat einen Grund. Der RBB schrieb nach dem Konzert von Udo im Olympiastadion Berlin folgende Zeilen: "Im Publikum sind auffallend viele jüngere Fans, um die 20, 30 Jahre alt - die stehen da mit offenem Mund, so einen haben sie noch nicht gesehen."
Ich gehöre zu diesen jüngeren Fans. Um genau zu sein bin ich 28 Jahre alt. Die 70er Jahre hörten 6 Jahre vor meiner Geburt auf. Dafür gehöre ich der Generation für die Udo Lindenberg seitdem sie denken können in irgendeiner Art und Weise präsent war.

Dennoch kam sein Zenit für meine Generation erst mit "Stark wie zwei" und seinem anschließenden Unplugged-Album. Die Songs zusammen mit Clueso und Jan Delay haben ihn in die Jugendradios des Landes katapultiert und damit in unser Blickfeld. Wenn so ein Rock-Opa dann nochmal auf Tour geht, dann entsteht der Wunsch ihn auf dieser Tour auch nochmal live zu erleben.

Nach Düsseldorf und Hannover ist das Udo Lindenberg-Konzert in Frankfurt innerhalb von einem Jahr nun schon die dritte Show, die ich von ihm sehe. Und der Begriff Show trifft den Nagel auf den Kopf.

Angefangen bei "Odyssee" mit der Udo nicht etwa vom Rockliner, einem Schiffsnachbau, steigt, sondern in einer Gondel über die Köpfe der Konzertbesucher eingeflogen wird, kommt man bei diesem Aufgebot an Effekten und Stars gar nicht mehr aus dem Staunen raus.
Auf der Bühne befindet sich eine große Band. Der Kapitän ist meistens vorne auf dem Laufsteg zusammen mit Tänzerinnen und solierenden Musikern. Auch die Gastmusiker spielen zusammen mit Udo Lindenberg normalerweise vorne am Ende des Laufstegs. Clueso unterstützt Udo bei "Cello". Während beide vorne stehen lassen sich Akrobatinnen von der Decke an einem stilisierten Cello abseilen. Beim Verlassen des Laufstegs werden alle nochmal von Udo abgeknutscht.


Udo Lindenberg trifft klare Aussagen zu Pegida

Fast ist es so, als ob das Konzert hier im Stadion die After-Show-Party des Christopher Street Days ist, der am selben Tag ebenfalls in Frankfurt stattfand. Offene und freizügige Liebe ist genau das Ding des Panikrockers. Zu "Bunte Republik Deutschland", welches Udo zusammen mit Adel Tawil performt, erstrahlt die Bühne, die komplett aus Videowänden besteht, nicht ohne Grund in allen Regenbogenfarben. Zu "Nimm dir das Leben" kommt Carola Kretschmer auf die Bühne um ein grandioses E-Gitarren-Solo zu spielen. Bis 1999 war Carola noch unter dem Namen Thomas Kretschmer bekannt.

Aber nicht nur die freie Liebe ist ein großes politisches Anliegen des Altrockers. Der Herr, der da auf der Bühne steht und an Entertainment alles umsetzt, was es auf dem Technikmarkt gibt, hat sich schon immer politisch engagiert. Nicht nur in seiner Musik, sondern auch durch Gespräche mit den Machthabenden. Flüchtlingspolitik ist Udo Lindenberg aktuell ein wichtiges Thema. Nachdem er "Wozu sind Kriege da" mit einem Kinderchor und "Sie brauchen keinen Führer" spielt, veröffentlicht 1990 als gerade das Thema Fremdenhass aufkam, macht Udo Lindenberg eine sehr bewegende Ansage zum Thema Pegida, zum palästinensischen Flüchtlingsmädchen, die abgeschoben werden soll und zu den Forderungen des braunen Mobs, dass Flüchtlinge in ihre Heimat zurück kehren sollen: "Wohin denn? In die zerstörte Geisterstadt Aleppo? Denken diese Leute überhaupt nach bevor sie irgendwas sagen?"
Diese Ansage wird bejubelt. Und extra zu diesem Anlass hat Udo auch einen neuen Song mit "Wir werden jetzt Freunde" geschrieben.
Gerade deswegen kommt er auch bei meiner Generation so gut an. Musiker, die in ihren Songs noch richtige ernsthafte Statements rüberbringen und damit sogar erfolgreich sind, sind selten geworden. Udo hat es geschafft und zeigt nicht nur durch seine Aussagen, dass er ein Herz für Flüchtlinge hat. Übrigens auch für solche aus dem Weltall. So nimmt er prompt den Außerirdischen Gerhard Gösebrecht auf, der mit seinem UFO im Stadion gelandet ist um ein wenig abzurocken. Stark, was man sich für diese Stadionshows alles ausgedacht hat.


Die Zugabe ist ein absolutes Kuriositätenkabinett

Ein wenig Selbstironie muss dann aber auch sein. Zusammen mit Helge Schneider und einer Schar von als Rentner verkleideten Tänzern singt er "Der Greis ist heiß" bevor es mit einer der bekanntesten Udo Lindenberg-Balladen "Horizont" in die Zugabenpause geht.

Bis die Zuschauer aber in die warme Nachtluft entlassen werden kommt noch eine lange Zugabe, die den Verrücktheitsgrad, den die Show bisher hatte nochmal steigert. Zu Songs, wie "Sonderzug nach Pankow", "Alles klar auf der Andrea Doria" und "Candy Jane" stehen nochmal alle Musiker und Tänzer auf der Bühne. Da immer mindestens ein Protagonist in einem der Kostüme zu den Songs auf der Bühne steht ergibt sich eine Art Kuriositätenkabinett auf der Bühne.
Udo selber geht auch nochmal auf Tuchfühlung zum Publikum. Nach einem Abstecher in den Graben, wo er einem Doppelgänger sein Mikrofon hinhält geht es zurück in die Gondel, um auch nochmal das Publikum hinten auf den Rängen mit einzubeziehen. Währenddessen fährt der Rockliner wieder ein und die Musiker und Gaststars werden nach und nach verabschiedet.
Storytechnisch ist "Reeperbahn" an dieser Stelle genau richtig gesetzt, bevor Udo zu größeren Dingen aufbricht. Nachdem zu "Goodbye Sailor" die Greenpeace-Eisbärin Paula neben ihm auf der Bühne steht, besteigt Udo Lindenberg seinen Astronautenanzug und die Rakete zurück ins All. Zu "Woddy Woddy Wodka" wird auf der Bühne ein Pyrofeuerwerk abgebrannt, welches das Konzert beendet.

Udo Lindenberg bietet eine fantastische Show, die den Spagat zwischen einer nahen Atmosphäre zu den Fans als auch dem nötigen Bombast eines solchen Spektakels schafft. Und obwohl ihm gerade 45.000 Zuschauer zujubeln ist Udo Lindenberg, abgesehen von seinen Abstechern in der Gondel über dem Publikum, ganz am Boden geblieben. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass Udo seine abschließenden Worte schnell in die Tat umsetzt: "Wir sehen uns bald wieder."