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Konzertbericht

Bands
Enter Shikari
Hacktivist

Locations
Ringlokschuppen



Datum: 11.01.2015

Enter Shikari im Stroboskopgewitter

Wie Juggernaut durch das Publikum

Bielefeld (as)    Enter Shikari releasen ein neues Album und gehen naturgemäß auf große Tour. Weniger normal ist der erste Tourstop im uns heimischen Ostwestfalen. Noch unwahrscheinlicher ist das unfassbare Ausrasten aller Beteiligten. Chaos mit System. Harmonien und BAM BAM BAM. Enter Shikari zeigen, was gute Unterhaltung 2015 auszeichnet.

Wider Erwarten nicht geschmolzen: Enter Shikari Sänger Rou Foto: Tim Danielsmeyer

Sonntagabend im kleinen Saal des Ringlokschuppens: easy das Wochenende ausklingen lassen. Bei diesem Plan
Fotos zum Konzert
Homepage von Enter Shikari
Homepage von Hacktivist
spielen Hacktivist noch mit: Die halbe Stunde Set, die die Supportband zugestanden bekommt, erfüllt ihren Zweck als Einstimmung solide. Mit Einsatz und Qualität versuchen die Herren aus Buckinghamshire dem Publikum einzuheizen. Dabei stechen vor allem das Jay-Z Cover "Niggas in Paris" und die aktuelle Single "Deceive and Defy" heraus. Das ganze kommt verdammt groovy, aber auch irgendwie harmlos daher. Was natürlich nichts daran ändert, dass die Besucher gut mitarbeiten und den auffallend häufigen Motivationsansagen der Band mit Freude Folge leisten. Als Belohnung gibt es einen neuen Song zu hören, der wahrscheinlich "there is no way back" heißen mag und ein weiteres Highlight des Auftritts ausmacht. Zusammengefasst geben Hacktivist einen ordentlichen Support und machen vieles richtig. Um auf lange Zeit im Kopf zu bleiben, passiert allerdings doch zu wenig. Zugegeben, diese Einschätzung ist vehement von dem beeinflusst, was danach passiert ist: Nichts weniger als der gewaltigste Auftritt, den ich seit langer Zeit gesehen habe.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Als Enter Shikari die Bühne des RLS betreten, ahnt das Publikum noch nicht, was in den nächsten rund 70 Minuten passieren wird. Es beginnt ganz harmlos. Das Licht wird verdunkelt. Auf der Bühne steht mehr Technik als bei der NASA und an der Decke hängt mehr Licht als in Christiano Ronaldos Ankleidezimmer. Die Band lässt sich etwas Zeit. Erst nach 10 Minuten Verspätung geht es auf die Bühne, da darf dann keine Zeit verloren werden. Dieser Vorsatz wird den vier Briten sicher durch den Kopf gegangen sein, anders lässt sich die Explosion nicht erklären, die kompromisslos auf die verdutzten Bielefelder zuraste. Schon beim Intro-Song "Solidarity" steigt Gitarrist Liam über den Wellenbrecher in die Menge und verschwindet aus dem sichtbaren Bereich. Ihm folgt Bassist Chris und dann folgt, was folgen muss: Ein Circle Pit um die beiden Saitenbespaßer - Während des zweiten Songs! Der Fuß bleibt auch danach auf dem Gas. Zu "Destabilise" wird das Strobo ausgepackt und die Lightshow entfaltet sich bei "Radiate" zum vollen epilepsieprovozierenden und trotzdem herrlich schönen Spektakel. Optisch wird sich hier viel Mühe gegeben: Ob die LED-Lichter am Gitarrenhals, die durch den Bühnennebel stechen, oder Sänger Rou im sicher viel zu warmen Anzug. Dieser hindert ihn zumindest nicht daran, am Ende von Radiate durch das Publikum zu waten und sich darauf folgend zurück auf die Bühne crowdsurfen zu lassen. Zur Erinnerung, das alles passiert während der ersten vier Songs...

Neben der hohen Hit-Dichte der Setlist, ist vor allem eines bemerkenswert: Diese unwahrscheinliche Authentizität, die Lässigkeit mit Extraversion kombiniert, indem Chaos als Leitmotiv der Bühnenshow stark gemacht wird. Denn neben dem unglaublich hohen Tempo, ist immer noch Zeit für die eine oder andere Anekdote. So lernen wir zwischen "Mothership" und "Juggernaut", dass Erdnüsse eigentlich Bohnen seien und Tomaten Früchte. Das ist aber schon etwas! Alles erzählt mit einem Grinsen im Gesicht. Wirklich lustig wurde es, als der Stagehand, der tüchtig einige Kabel ordnete, als "stage invader" betitelt wurde und laut um Hilfe (security!!) gerufen wurde. Dabei wurde die Hilfe der Techniker mehr als nur einmal dringend benötigt, weil Sänger Rou keine Rücksicht auf irgendwas nehmen wollte. Getrieben zerstörte er diverse Mikrofone und sah sich trotz offener Destruktivität nicht beruhigt. Die gesamte Band orientierte sich an diesem extatischem Sich-Verlieren in der Musik. Alles unterlegt mit Technobeats und Stroboskop. Als Zuschauer wusste man manchmal nicht wohin man gucken sollte. Das Publikum jedenfalls ließ sich darauf ein und zappelte als wäre der Schuppen die Disko, die sie immer sein wollte. Wummernder Bass, fresche Beats und mächtige Gitarrenriffs. Lichtspiel, Shouts und Melodie. Enter Shikari lassen eine Stunde Set sehr kurz erscheinen. Natürlich wird nach einer Zugabe verlangt, die dann auch kommt. Zuerst durch das herzerwärmende "Constellations", dann als Abschiedsgruß ein Schlag in die Magengrube. Mit "Sssnakepit" kommt ein letztes mal die Abrissbirne und dann geht das Licht aus.

Enter Shikari beweisen an diesem Abend erneut, dass sie zu den besten Livebands gehören. Ein Erlebnis, welches nur so richtig verständlich wird, wenn man dabei gewesen ist. Also Arsch hoch und Karten für das nächste Konzert vorbestellen. "Mindsweep" erscheint übrigens am 19.01.15.