Home

Taglist:

Allgemein
Interview

Bands
Young Rebel Set

Locations



Datum: 04.02.2010

Wortwechsel

Thees Uhlmann und die glorreichen Sieben

Berlin (m2w)    ein Bericht von Maja Schäfer

Young Rebel Set erobern Berlin, Deutschland und Europa. Am 04.02. spielten sie zwei Konzerte in der deutschen Hauptstadt. Eines im Ramones Museum und eines im Magnet Club.

Bilder zu den Konzerten
Homepage von Young Rebel Set


13:05 Uhr, Ramones-Museum, Berlin-Mitte: Völlig außer Atem stehe ich im Konzertraum des kleinen Museums. Von der winzigen Bühne aus starren mich sieben Augenpaare an. „Hey“ sage ich „mein Name ist Maja und ich bin hier um ein Interview mit euch zu führen“. Betretenes Schweigen ist die Antwort. Die Situation wird langsam unangenehm und zu allem Überfluss fällt mir auf, dass ich immer noch meine bescheuerte Fellmütze anhabe und – als wären die Umstände nicht schon widrig genug – mindestens zwei der sieben Herren vor mir auch noch überdurchschnittlich gut aussehen. Ein Typ mit roten Haaren zeigt Erbarmen und fragt mich, wo wir das Interview führen sollen. Diese Frage hat jedoch die nächste peinliche Stille zur Folge, denn ich kenne mich im Ramones-Museum etwa so gut aus wie in Alaska und habe keine blasse Ahnung, wo man hier ein Interview führen könnte. Halt! Als ich 5 Minuten zu spät durch die Tür gehetzt kam, in der sicheren Annahme, dass sich die Band Rockstar-typisch um eine halbe Stunde verspäten würde, bin ich an einer Sitzecke vorbeigekommen. Wir, d.h. der rothaarige Typ, zwei seiner Kollegen und ich, begeben uns also in die Eingangshalle und beginnen das Interview.

Okay, spätestens jetzt denkt ihr: „Was zum Teufel redet die Alte da? Was für ein Interview?!“ Da Geduld anscheinend nicht eure Stärke ist, verrate ich euch an dieser Stelle dann doch noch den Namen der sieben-köpfigen Kombo, um die es im Folgenden gehen wird: Young Rebel Set.
Das Problem: Mindestens die Hälfte von euch ist jetzt kein bisschen schlauer als vorher. Young Rebel Set sind hierzulande noch nicht wirklich vielen Musikfans ein Begriff, in England hingegen hat die Hype-Maschinerie des NME dafür gesorgt, dass sie als „the next big thing“ gehandelt werden. Wobei selbiges, oft vorschnell gefälltes Urteil im Fall von Young Rebel Set ausnahmsweise sogar seine Berechtigung hat – versprochen.

Doch England genügt den sieben Jungs aus dem nordenglischen Kaff Stockton-on-Tees nicht mehr, sie streben die Weltherrschaft an. Oder zumindest die Eroberung des deutschsprachigen Raums. Vor ihrem Zwischenstopp in Berlin hat es die Briten nämlich schon in die Schweiz und nach Österreich verschlagen. Auf die Frage, wie denn die Publikumsresonanz bisher war und wie die Tour insgesamt verlaufen ist, antworten Matt, Mike und Andy stellvertretend für ihre Bandkollegen, die im Nebenraum weiterhin den Soundcheck durchführen: „Es war fantastisch und eine unglaubliche Überraschung. Wir waren niemals zuvor auf dem europäischen Festland und trotzdem waren alle Shows exzellent, sehr gut besucht und das Publikum hat unsere Konzerte äußerst positiv aufgenommen. Sogar noch mehr als in England“.
Wie bitte? Dem englischen Publikum, bekannt für seinen unglaublich exzessiven Band-Fanatismus soll von den Zuschauern in Freiburg, München und Co. der Rang abgelaufen werden?! Kaum zu glauben, aber als ich nachhake, erklärt Andy lachend: „Also ihr Deutschen schafft es irgendwie zu trinken UND zu tanzen, während die Engländer zu viel trinken und dann nicht mehr tanzen können.“ Soso. Ob das deutsche Publikum tatsächlich so bewegungsfreudig ist, wie ihm da unterstellt wird, wird sich im Laufe des Tages zeigen. Immerhin treten Young Rebel Set, im Folgenden mit YRS abgekürzt, gleich zweimal in Berlin auf, aber dazu später mehr. In Berlin sind die Jungs übrigens alle zum ersten Mal, gesehen haben sie von der Hauptstadt allerdings noch nichts. Bis spät abends standen sie im Stau wie mir Matt, der Sänger der Band (im vorangegangen Text von mir bisher nur unhöflich als der „rothaarige Typ“ bezeichnet) erklärt und bei dem vollen Tagesprogramm aus Interviews und Konzerten müssen Checkpoint Charlie und Co. dann wohl warten bis YRS das nächste Mal die Hauptstadt mit einem Besuch beehren.

Aber kommen wir zu einer Standardfrage, die im Fall von YRS ausnahmsweise mal nicht komplett unberechtigt ist und zwar: „Wie, wo und warum wurde Young Rebel Set gegründet?“ Auf der bandeigenen homepage findet man unter dem Stichwort „Bio“ nämlich nur einen einzigen, wenig erhellenden Satz, in dem von „mysteriösen Troubadouren“ die Rede ist. Und tatsächlich haben sich YRS da einen Scherz erlaubt und wollten gleichzeitig das Rätselraten um ihre Bandgeschichte vorantreiben. Andy, der Gitarrist der Band, ist dann aber doch so freundlich mich aufzuklären: „Young Rebel Set entstand als Solo-Projekt von Matt unter dem Namen „Billy the kid“. Er hatte ein paar Auftritte und beschloss dann uns mit einzubeziehen. Er machte uns betrunken und…“ „nutzt uns seitdem aus“ ergänzt Mike lachend. Diese Anschuldigungen will Matt natürlich nicht auf sich sitzen lassen und fügt hinzu: „Es war ein ganz natürlicher Prozess. Wir sind eine Gruppe Nerds, die zusammen in Pubs und Clubs herumhing und irgendwann gründeten wir eine Band. Nicht sehr spannend, aber so war es“.
Wäre ihre Musik denn dieselbe gewesen, wenn sie nicht in den Pubs in Stockton ein Bier getrunken hätten, einer Stadt, die für nichts anderes bekannt ist als für den Erfinder des Streichholzes? Matt antwortet auf diese Frage überraschenderweise, seine Heimat hätte in keinster Weise Einfluss auf seine Musik gehabt. Die Texte hätten auch überall anders in der Welt entstehen können und es gehe vielmehr um die Leute, die man trifft und die Erfahrungen, die man sammelt. Apropos eigene Erfahrungen: Auf ebendiesen basieren die Songs von YRS und man wird nur schwerlich erfundene Stories als Vorlage für die Lyrics finden. Diese Authentizität und Bodenständigkeit sind es auch, die in fast jedem Artikel der englischen Presse lobend hervorgehoben werden. Kein Wunder, denn in den Songs werden nicht nur die Erlebnisse des Sängers musikalisch verarbeitet, sondern auch die von allen anderen Mitgliedern von YRS. In diesem Zusammenhang sagt Matt: „Unsere Songs kommen direkt aus dem Herzen. Sie sind nicht kompliziert und du musst nicht lange darüber nachdenken, was sie ausdrücken wollen. Sie sind glaubwürdig und eingängig. Ich glaube, das ist es, was uns von vielen anderen Indie-Bands unterscheidet.“
Selbige Eigenschaften sind wohl auch dem schon angesprochenen NME nicht entgangen und so zählte dieser die Band im Januar zu den TOP TIPS FOR 2010. Diese Anerkennung hat gerade Mark gefreut, der nach all der Arbeit und den „härteren Zeiten“ dankbar ist, dass ihnen die Öffentlichkeit endlich die gebührende Aufmerksamkeit schenkt. Wo wir gerade bei den TOP TIPS FOR 2010 sind, darf natürlich auch die obligatorische Frage nach den Neujahrsvorsätzen nicht fehlen. In diesem Punkt sind sich die drei einig und rufen unisono: „Mehr trinken!“

Ob sie sonst auch immer so einhellig einer Meinung sind, frage ich daraufhin. Immerhin ist die Band mit ihrer stolzen Zahl von 7 Mitgliedern (darunter sogar zwei Brüderpaare!) doch prädestiniert dafür sich im Suff auch mal zu streiten und zu prügeln. Oder etwa nicht?! Mark, hauptberuflich übrigens Mandoline-Spieler bei YRS, gibt zu: „Natürlich streiten wir uns, aber spätestens am nächsten Tag ist alles wieder im Lot. Das ist doch auch das, was Familie ausmacht: Vergeben und vergessen.“

Den kostenlosen Gig im Ramones-Museum habe ich natürlich nicht vergessen und so finde ich mich zwei Stunden und ein Uni-Seminar später erneut auf der Krausnickstr. ein. Doch diesmal bin ich nicht die Einzige. Obwohl die Band noch kein Album auf den Markt gebracht hat, scheinen sich die Qualitäten von YRS rumgesprochen zu haben und in den winzigen Konzertraum quetschen sich schon ein paar dutzend Fans. Offensichtlich vor allem solche, die beim abendlichen Konzert aufgrund der strengen Ausweis-Kontrolle im Magnet wenig Chancen gehabt hätten am Türsteher vorbeizukommen.
Die Band spielt auf der Bühne des Museums ein Akustik-Set und versteht es mit ihrer ungewohnten Mischung aus Country-Folk und Indie-Rock zu überzeugen. Zuweilen merkt man allerdings, dass sie ihre Ursprünge in einem Solo-Songwriter-Projekt hatte. Ich ertappe mich dabei den Rest der Band so gar nicht zu vermissen als Matt für einige Songs nur von seiner Gitarre begleitet, alleine die Songs der Band zum Besten gibt.

Die 15-jährigen Mädchen im Publikum scheinen sichtlich beglückt und auf einmal entdecke ich zwischen den vielen wippenden Indie-Frisuren Gott, ähh Thees Uhlmann. Ein wichtiges Detail der Karriere von YRS habe ich euch bisher nämlich unterschlagen: Der Tomte-Sänger höchstpersönlich zählt sich zum Fankreis dieser Band und hat mit seinem Label „Grand Hotel Van Cleef“ das Deutschland-Booking für die Band übernommen. Aber weil wir von Music2Web.de ja bekanntlich die coolsten Säue überhaupt sind, wage ich mich nach dem Gig todesmutig an Thees heran und lasse mir von ihm selbst erzählen wie es eigentlich zu dieser Freundschaft zwischen einem Hamburger und 7 englischen Rebellen gekommen ist.

Ein Schweizer Freund machte Thees mitten in der Nacht auf die MySpace-Seite der Band aufmerksam. Der Tomte-Sänger war sofort begeistert, „tanzte sentimentalen Britpop Pogo mit sich allein“ und beschloss kurzerhand sämtliche Kontaktadressen der Band anzuschreiben und sich von den Live-Qualitäten persönlich zu überzeugen. Auch wenn dieser Plan einen Flug nach New Castle für stolze 450 Euro beinhaltete. Der arme Thees wusste in Zeiten von RyanAir und EasyJet gar nicht, dass innereuropäische Flüge dermaßen teuer sein können (ich übrigens auch nicht). Aber manchmal müssen Opfer gebracht werden und so besuchte Thees tatsächlich den Gig der Band in New Castle, gab der Band ein Bier aus (laut Mark „a really good sign“) und es begann eine Liebe auf den ersten Blick, die Thees nach eigener Aussage in dieser Form nur von den Killians kannte.
Unter Vertrag genommen hat Grand Hotel van Cleef die Band bisher aber noch nicht, was nicht so sehr am Label liegt, sondern vielmehr an der Tatsache, dass YRS keine voreiligen Entscheidungen fällen und erst mal Erfahrungen im Musikbusiness sammeln wollen bevor sie einen Vertrag unterzeichnen, so Gitarrist Andy. Thees sieht’s gelassen. Großherzig und bescheiden wie er ist, gönnt er den Jungs, ebenso wie den abtrünnig gewordenen Death Cab for Cutie, sogar einen Plattenvertrag bei einem größeren Label und ist „stolz sie in dieser Phase begleiten zu können“.

Klar, dass sich Thees den Gig im Magnet in Prenzlauer Berg ein paar Stunden später nicht entgehen lassen wird und man ihn mit zufriedenem Lächeln auch hier durch die Zuschauerreihen in Richtung Backstage-Bereich gehen sieht. Trotz der ungünstigen Lichtverhältnisse im Club kann man jedoch noch ein anderes bekanntes Gesicht erspähen: Die schon erwähnten Adoptivsöhne von Herrn Uhlmann, die Killians, haben scheinbar ihren Bassisten Gordian von Dinslaken ins weite Berlin geschickt, um mal auszuchecken, mit welcher Band man sich zukünftig die Gunst des Papas teilen muss.
Aber kaum hat Gordian sich ein Bier an der Bar bestellt, geht es auch schon los und der Sänger von Ghost of Tom Joad, Henrik Roger, stellt als YRS-Support exklusiv ein paar Songs des im Juli erscheinenden, dritten Albums seiner Band vor. Der Name „Ghost of Tom Joad“ ist übrigens angelehnt an den gleichnamigen Song von Bruce Springsteen und zweimal dürft ihr raten, welchen Musiker YRS am häufigsten nennen, wenn sie gefragt werden, welcher Künstler nachhaltig ihre Musik beeinflusst hat. Tja, Parallelen gibt’s, die gibt’s gar nicht.

YRS beginnen ihr Konzert im ungemein vollen Magnet schließlich mit ihrem Song „Down the line“. Matt singt, begleitet von Mundharmonika, Gitarren, Bass, Mandoline und Drums, über die kleinen, großen Probleme des Lebens. Da hätten wir zum Beispiel Billy, der an einem gebrochenen Herzen gestorben ist, weil seine Angebetete die Liebesbekundungen nicht erwidern wollte oder Freundinnen, deren Namen man am besten so schnell wie möglich aus dem Gedächtnis löscht. Songwriter-Storytelling par excellence also.

Als die Band endlich die ersten Takte der Single „If I was“, dem wohl bekanntesten Song von YRS anstimmt, beweist das Publikum dann sogar Textsicherheit und singt mit, wenn Matt sich vorstellt, wie es wäre reich zu sein, wie es wäre ein Flugzeug zu haben oder ein berühmter Künstler zu sein. Im Refrain heißt es „I've wasted so much time, writing songs and playing on my guitar. I’ve wasted so much love. Oh I wish I’d never learned to play a note”.
Was hab ich da gehört? Der Frontmann wünscht sich, er hätte niemals gelernt eine Note zu spielen und behauptet das ganze Musizieren war reine Zeitverschwendung? Das Publikum im Magnet ist natürlich froh, dass sich Matt im realen Leben anders entschieden hat und man an diesem Donnerstagabend den Klängen seiner Band lauschen kann, für die der NME sogar ein eigenes Genre, den „Graft-Rock“, erfunden hat. Im Interview hat mir Mat übrigens erklärt, was es mit diesen pessimistischen Songzeilen in Wirklichkeit auf sich hat: „In dem Refrain geht es darum, welche Opfer du bringen musst, um in einer Band zu sein. Teilweise drängt die Musik alles andere so sehr in den Hintergrund, dass du beginnst Menschen zu vernachlässigen, die dir wichtig sind“.

Vielleicht haben die 7 Jungs aus diesem Grund kurzerhand beschlossen alle Menschen, die ihnen wichtig sind, einfach mit auf Tour zu nehmen. Immerhin finden sich in den Zuschauerreihen unzählige, englische Fans, die als einzige Matts Dialekt zu verstehen scheinen. Hatte sich der Sänger beim Interview noch Mühe gegeben, seine nordenglischen Wurzeln zu unterdrücken, nimmt er im Magnet leider etwas weniger Rücksicht und so gehen die scheinbar witzigen Insider am deutschen Publikum fast völlig vorbei. Macht nichts, die Magnet-Besucher scheinen trotzdem rundum zufrieden, betteln um eine Zugabe und erhalten diese dann auch in Form von „Common Touch“ und der zweiten Single „Walk on“.

Das Konzert ist zu Ende. Die Karriere von YRS hat gerade erst begonnen: Im Herbst diesen Jahres soll ihr Debüt-Album erscheinen, Festivalauftritte in England und Deutschland stehen ganz oben auf der To-do-Liste. Aber weil YRS eben nicht nur Musiker, sondern auch waschechte, britische Working Class Heroes sind, nehmen sie sich nach ihrem Gig schleunigst ihren 2010-Vorsatz zu Herzen und feiern mit ihrer Anhängerschaft bis zum nächsten Morgen – immer eine Flasche „brown ale“ in der Hand versteht sich.