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Datum: 12.12.2009

Nachruf auf Muff Potter

Geht so das Ende?

Münster (ml)    Es gibt mit Sicherheit viele passende Überschriften. Genauso gut hätte man wohl das Clickclickdecker-Zitat Frag nicht nach morgen, das Tourmotto Alles war schön und nichts tat weh, die letzten auf der Bühne gesungenen Textzeilen Ich weiß nicht wohin die Reise geht, ich weiß auch nicht, wie das weiter geht oder zahlreiche andere Muff Potter-Textstellen nennen können.
Es ist so weit. Ein endlich lässt man an dieser Stelle besser weg. Muff Potter geben ein Konzert in Münster ihr größtes. Ihr letztes.


Nahmen bisher die Protagonisten im größten Teil der Lieder von Muff Potter einen schmerzvollen Abschied voneinander, kann man nun gerade diese Texte auf sich selbst beziehen und nimmt selber Abschied. Von den jahrelangen Begleitern der Band, von den Fans, von sich selber.
Als Grabträger, wie man es so schön in den letzten Newslettern bezeichnete, fungierten an diesem Abend ganz offiziell Ghost of Tom Joad, die am Ende ihres Sets zum Abschied Ich bin doch kein Idiot in einer eigenen Version beisteuerten. Ingo Knollmann, guter Freund der Band und Sänger der Donots hat es sich zum Abschied der Band auch nicht nehmen lassen, aus dem quasi benachbarten Ibbenbüren nach Münster zu reisen. Auch er hat die Band in ihren letzten 2 Stunden noch einmal aktiv begleitet und performte den Refrain von Die Guten zusammen mit Muff Potter.

Ein Monster, larger than life. 16 Jahre hat diese Band existiert, vom 09. Mai 1993 bis zum 12. Dezember 2009. Lange Zeit veröffentlichte man die Musik über ein eigenes Label und wurde so immer erfolgreicher. In den letzten Jahren zeigte die Erfolgskurve dann steil bergauf. Steady Fremdkörper und Von Wegen durfte die Band beim Major Universal veröffentlichen. Das letzte Album Gute Aussicht veröffentlichte man dann wieder in Eigenregie.
Die Konzerte und Festivals wurden in der Zwischenzeit immer größer und so brachten Muff Potter es sogar so weit mit ihren erklärten Vorbildern Die Ärzte im Jahr 2008 auf Tour zu gehen, wo sie den Headliner gefühlsmäßig sogar überholten.

Dies hat in Münster, dort wo alles begonnen hat, jetzt ein Ende. Mit Alles war schön und nichts tat weh ging es auf die Bühne dem Tourmotto, dem Lied welches auf der aktuellen Platte so gut wie kein anderes zur Auflösung der Band passt. Heute Abend hat die Band ihre Lieblingslieder gespielt und damit auch zahlreiche Wünsche aus dem Publikum erfüllt. Lieder, die sonst normalerweise nicht gespielt werden, hier konnte man sich diese nochmal anhören. Und so fühlte sich die erste Hälfte des Konzertes auch noch nicht wirklich nach Abschied an. Sentimental wurde es dann schon eher als Ingo Knollmann auf die Bühne kam, Die Guten sang und diese mit dem umarmen aller Bandmitglieder verließ. Auch Wenn dann das hier passte zu dem Abschied, wie die Faust aufs Auge. Und so betonte auch Nagel immer wieder, wenn irgendwas gut ist, dann das hier.
Ein letztes Mal den Hauptteil des Konzertes beenden, wieder zurück auf die Bühne und direkt den Einstieg mit Von Wegen wagen, einem Lied, welches so gut wie nie auf Konzerten dieser Band gespielt wird, wird heute in den letzten Minuten, die Muff Potter noch existiert, zusammen mit ihrem Bühnenroadie zum Besten gegeben.
Und irgendwie ist es fast sinnlos hier noch weitere Abschiedslieder aufzuzählen, jedes Lied passte zur Auflösung dieser Band. So zum Beispiel die Hymne Alles was ich brauch oder das Lied 100 Kilo welches für die Überschrift dieses Textes Pate stand und auch das als letztes gespielt wurde. Nein, allein sterbt ihr heute ganz sicher nicht. 1500 Fans begleiten eure letzten Stunden und viele von ihnen zieht es hinterher noch auf die offizielle After-Show-Party in die Sputnikhalle, ins Amp oder auch ins Gleis 22, wo mit großer Wahrscheinlichkeit Dennis, Brami, Shredder und Nagel, die ja nun keine Band mehr sind, Einzug halten werden.

Abschied nehmen ist nie leicht und so standen einigen Fans und auch den Abschied nehmenden Protagonisten des Abends auf der Bühne fast die Tränen in den Augen, wenn sie es nicht sogar bis dahin geschafft haben.
Abschied nehmen werde jetzt auch ich. Leider bin ich viel zu spät auf Muff Potter aufmerksam geworden. 2006 habe ich sie eher durch Zufall das erste Mal auf der Rheinkultur gesehen. Erst 2008 sollte es wieder so weit sein. Nachdem ich im April noch mit Dennis telefonisch ein Interview für seine Schützlinge Ghost of Tom Joad organisiert habe und erst hinterher bemerkte, dass ich mit einem Muff Potter-Mitglied gesprochen habe, hieß es dann, dass Muff Potter im Vorprogramm von Die Ärzte spielen werden. Glücklicherweise auch auf einem von meinen beiden Die Ärzte-Konzerten.
Richtig aufmerksam auf die Musik hat mich jedoch erst unsere Reporterin und gute Freundin Britta gemacht, die mir sämtliche Alben zum Hören gab. 2009 dann noch zum letzten Mal in Bielefeld gesehen und gestern dann in Münster. Viel zu spät, wie sich leider Mitte dieses Jahres heraus stellen sollte.

Es gibt selten Bands, die Stil, Pathos und Punk so miteinander vereinen. Die Ärzte kriegen den Pathos nicht hin. Die Toten Hosen haben den Punk schon lange verlernt. Und bei anderen Punkbands hat man das Gefühl, als ob der Stil fehlt. Muff Potter haben dies alles vereint und sind für die deutsche Punklandschaft bestimmt auch prägend gewesen. Angry Pop Music haben sie ihren Stil genannt und ja, er braucht eine eigene Bezeichnung.
Mit der Auflösung dieser Band wird der deutschsprachige Punk noch nicht zu Grabe getragen, aber es wird ihm ein großes Stück entrissen.

Und eigentlich bin ich nicht die richtige Person, die diesen Nachruf verfassen sollte, aber ich versuche mich dennoch mal an ein paar letzten Zeilen.
Ihr habt euren Fans so viel gegeben, wir hoffen natürlich auch nach Muff Potter weiterhin von euch zu hören. Ich jedenfalls wünsche euch viel Glück und Erfolg auf allen weiteren Wegen.

R.I.P. Muff Potter (09. Mai 1993 - 12. Dezember 2009)