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Datum: 20.07.2017

Zum Tod des Linkin Park-Sängers Chester Bennington

Nachruf auf Chester Charles Bennington

Bad Oeynhausen (bs)    Vor wenigen Tagen, am 20. Juli, nahm sich Chester Bennington, der Sänger der Nu Metal-Band Linkin Park, das Leben. Er wurde nur 41 Jahre alt. Über die Hintergründe für den Freitod des Musikers kann nur spekuliert werden. An dieser Stelle ein Nachruf auf Chester Bennington von Bastian Sylvester.

Foto: Bastian Sylvester

Derzeit googlen sicherlich viele Menschen Begriffe wie „Chester Bennington“, „Chester Bennington Tod“ oder Ähnliches, um etwas über die Vergangenheit des Linkin Park-Sängers zu erfahren und sich so die Hintergründe für seinen Freitod zu erklären. Das kann und will ich aber nicht mit diesem Nachruf erreichen, denn darüber lässt sich nur spekulieren. Über seine Vergangenheit hat Chester Bennington in Interviews sehr offen gesprochen. Und die war geprägt von vielen Kindheits- und Jugendtraumata, sexuellem Missbrauch, von Drogen- und Alkoholsucht und von Depressionen. Man kann darin vielleicht auch die Gründe für seinen Selbstmord sehen, aber genau werden wir das wohl nie erfahren. Ich werde mich in diesem Nachruf nicht an Spekulationen oder Gerüchten beteiligen. Das würde diesem Magazin auch nicht gerecht werden, den Hinterbliebenen erst recht nicht und Chester sowieso nicht. Ich möchte hier nur meine Erlebnisse und Eindrücke mit Linkin Park und ihrem genialen Sänger schildern, um seiner zu gedenken.

Das erste Mal habe ich Linkin Park beim Rock im Park 2012 in Nürnberg auf der Hauptbühne gesehen. Ich wollte da eigentlich gar nicht so gerne hin, denn auf der anderen Bühne spielte eine Band, zu der ich viel lieber abgefeiert hätte und deren Frontmann leider ebenfalls schon verstorben ist, nämlich Motörhead. Aber wenn die weibliche Begleitung einen dazu drängt, dann macht man das halt. Ich hielt Linkin Park zu jener Zeit schon mehr für eine Band, die „Bravo-Leser-Metal“ spielten, war also vorerst nicht gerade angetan davon, dass meine Begleitung nicht so sehr auf die harten und rauen Töne einer echten Legende des Rock'n'Roll stand. Die alten Sachen gefielen mir halt viel lieber. Als ich 2005 auf dem Feldwebel-Lehrgang in München war, hörten mein Kumpel und ich auf der Heimfahrt in den hohen Norden der Republik das „Live in Texas“-Album rauf und runter. Zu der Zeit kam dann auch das Album „Collusion Course“ mit Jay-Z raus, was in meinen Augen ein ziemlicher Rückschritt war. Aber zurück zu Rock im Park: ich wurde schnell eines besseren belehrt, denn Linkin Park mit Chester Bennington nicht nur in der Rolle des Sängers, sondern auch als Animateur gaben auf der Bühne einfach alles. Absolute Vollprofis eben. Das sind Metallica auch, aber deren Auftritt zwei Tage zuvor auf derselben Bühne wirkte dagegen ziemlich nüchtern und ein bisschen zu perfekt. Chester agierte auf eine sehr sympathische Art und Weise mit dem Publikum, das wirkte nicht einfach nur professionell, sondern viel eher persönlich. Es wirkte einfach echt und hat mich überzeugt, wie Zigtausende andere auch.
Ähnliches durfte ich dann am 5. September 2015 beim Rock im Sektor-Festival in Düsseldorf erfahren. Da war ich nicht nur als Zuschauer und Musik-Fan, sondern als Fotograf für Music2Web.de. Nicht mal ein Jahr zuvor habe ich mit der Fotografie begonnen und die Konzertfotografie für mich entdeckt und schon sollte ich (oder vielmehr durfte ich!) einen so „fetten“ Act ablichten dürfen! Es sollte mein erster Auftrag für dieses Magazin sein. Und neben dem ganzen Stolz war ich furchtbar aufgeregt. Meiner Redaktionskollegin ging es da ziemlich ähnlich. Die Vorbands kamen und gingen und dann endlich der große Moment: die Esprit-Arena verdunkelte sich, mein Puls ging in die Höhe, ich schwitzte und musste mir ständig die Hände an der Hose abwischen. Meine Kolleginnen und Kollegen taten zwar größtenteils ganz cool, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch diese ziemlich angespannt waren. Ich prüfte zum wiederholten Mal die Einstellungen an meiner Kamera, machte noch ein paar Nervositäts-Witzchen mit den anderen Fotografinnen und Fotografen, und dann begannen Linkin Park mit ihrem Auftritt. Vier Songs (Papercut, Given Up, Rebellion, Points of Authority) hatten wir Zeit, unsere Bilder zu machen. Ich besaß zu der Zeit nur eine Kamera, weshalb ich des öfteren das Objektiv wechseln musste. Als Chester zu unserer Fotobühne kam wechselte ich gerade ganz hektisch auf das Teleobjektiv. Mr Bennington schaute zu uns runter, was meine Nervosität jetzt nicht gerade linderte, aber irgendwie habe ich es ganz offensichtlich hinbekommen (und auch schnell). Chester ging ziemlich lässig in die Knie, schaute direkt in mein Objektiv und screamte los, als wenn er kein Mikro hätte und auch der letzte Winkel dieser Welt seinen Schrei hören müsste. Ich habe nur noch drauf gehalten und den Finger erst vom Auslöser genommen als Chester wieder aufgestanden ist. Sofort habe ich auf dem Kameradisplay die Aufnahmen kontrolliert und mir wurde sofort bewusst, was ich da gerade für Fotos geschossen habe. Offenen Mundes schaute ich rauf zur Bühne, Chester schaute runter, lächelte einfach nur, nickte und ging zur anderen Bühnenseite. Der Kollege neben mir schlug mir freundschaftlich auf die Schulter, streckte den Daumen nach oben und beglückwünschte mich, die Security freute sich mit mir und ich ging dann einfach nur ein Stück weiter nach hinten, um die Position zu wechseln und die anderen Fotografinnen und Fotografen nach vorne zu lassen. Irgendwann waren die vier Songs vorbei und wir mussten die Fotobühne verlassen. Jeder von uns hatte seine Bilder im Kasten, ich war allerdings immer noch total geflasht. Ich habe die Kamera dann fix im Presseraum verstaut und bin dann zu meiner Redaktionskollegin auf die Tribüne gegangen und wir haben uns dann den Rest des Konzertes angeschaut (und auch genossen). Auf der Rückfahrt habe ich ihr dann von meinem Erlebnis erzählt und sie ist quasi ausgerastet. „Waaaaaaas?! Wie geil ist das denn?!“ So ungefähr war ihr Kommentar dazu. Das war schon ein ziemlich einzigartiger Moment. Vielleicht sind es qualitativ nicht die besten Fotos die ich jemals von einem Künstler gemacht habe, für mich persönlich aber gehören sie mit zu den besten Fotos meiner kleinen Karriere. Und dieser Moment, wo dir ein Weltstar bewusst in deine Kamera blickt und er dir die Möglichkeit gibt, die wahrscheinlich besten Bilder deiner Laufbahn zu machen, das ist etwas ganz Besonderes. Ich bin Chester einfach nur dankbar dafür! Das macht nicht jeder, ganz im Gegenteil. Wie oft steht man mit der Kamera im Bühnengraben und hofft auf besondere Momente, einen Flirt der Künstler mit der Kamera oder irgendwas, wo man denkt „Yeah! Das war es was ich wollte! Das zeigen wir den Leuten!“ und nichts Besonderes passiert. Jeder, der sich mit Konzertfotografie beschäftigt, kann das nachvollziehen. Chester war da anders.
Im Juni diesen Jahres war ich dann für dieses Magazin mit unserem Chefredakteur beim Hurricane-Festival auf der „Scheeßeler Seenplatte“. Das Wetter war traditionell nicht gerade das beste, aber das gehört beim Hurricane einfach dazu. Neben Green Day am Freitag und Casper am Sonntag waren auch Linkin Park (am Samstag) als Headliner bestätigt. Irgendwie graute mir schon ein wenig vor dem Auftritt von Linkin Park, denn das aktuelle Album ist ja eher nichts so für Fans von gepflegtem Metal und Hardrock. Da mein Chef Linkin Park bis zu diesem Zeitpunkt noch nie live gesehen hatte, gingen wir also hin. Ich weiß noch wie ich zu ihm sagte „Marcel, live sind die echt gut, die machen eine geile Show. Aber erwarte von den neuen Songs nicht allzu viel. Aber sie werden die alten und guten Sachen auch noch spielen, garantiert. Beim Hellfest haben sie Chester bei den neuen Songs mit Bierbechern beworfen, bei den alten sind sie dann aller wieder abgegangen.“ Beim Hurricane wurde die Band beim Song „Heavy“ zwar nicht mit Bierbechern beworfen, aber echte Begeisterung sieht wohl anders aus. Dennoch zogen Linkin Park ihr Ding einfach durch. Das sogar beeindruckend gut. Chester Bennington war bester Laune und machte seine Scherze mit dem Publikum. Er setzte sich die Hüte einzelner Zuschauer auf, gab sie brav zurück und hatte ganz offensichtlich Spaß an dem, was er da tat. Klar, Musiker von diesem Format sind auch irgendwie Schauspieler. Es ist ihr Job, die Menschen zu unterhalten. Ob sie gerade einen schlechten Tag haben oder nur einen mäßigen, interessiert die Leute relativ wenig, zumal diese eine nicht unerhebliche Summe dafür bezahlen, ihre Idole live zu sehen. So läuft eben das Show-Business. Die Frage ist aber, mit wie viel Freude man an die Arbeit geht beziehungsweise ob sie einfach nur Spaß macht. Bei Linkin Park und insbesondere Chester Bennington hatte ich das Gefühl, dass es für ihn nicht einfach nur ein Job ist, auf der Bühne zu stehen. Es war sein Ding! Ok, ich rutsche wohl doch ins Psychoanalytische ab, aber wer ihn mal auf der Bühne gesehen hat, wird das vermutlich bestätigen können.
Der Auftritt beim Hurricane liegt mal gerade vier Wochen zurück. Was da in der Zwischenzeit mit Chester passiert ist, wissen wir nicht. Was davor war ebenfalls nicht. Fakt ist, dass er sich am 20. Juli erhängt hat. Der 20. Juli ist auch das Geburtsdatum seines Freundes Chris Cornell. Der Frontmann von Soundgarden und Audioslave verstarb am 18. Mai diesen Jahres in Detroit ebenfalls durch Suizid. Bei der Beisetzung Cornells sang Chester Bennington „Hallelujah“.
Wie es mit Linkin Park weitergeht, ist noch nicht bekannt. Es ist auch zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich wichtig. Denn mit dem Tod von Chester Bennington verliert die Band und die Musikwelt nicht einfach nur einen begnadeten Sänger und Musiker, sondern auch einen Freund. Und eine Ehefrau ihren Mann und sechs Kinder ihren Vater. Das ist das Entscheidende. Man kann jetzt über ihn fluchen und ihn beschimpfen, wie egoistisch dieser Selbstmord doch war, aber nutzt es irgendwem? Und wer ist man denn, dass man sich ein Urteil darüber erlauben darf? Wir sollten viel eher in Gedanken bei seinen Angehörigen sein und ihnen die nötige Kraft wünschen, das alles durchzustehen. Auch den übrigen Mitgliedern von Linkin Park wünsche ich nur das Beste und den Mut, weiter ihren Weg zu gehen, wie auch immer ihre Entscheidung fallen wird.
Chester wünsche ich von ganzem Herzen, dass er Frieden gefunden hat. Wo auch immer du jetzt bist, keep on rockin'!

Sollte es dir seelisch schlecht gehen, du das Gefühl hast, dich in einer Situation zu befinden, aus der du keinen Ausweg weist, nimm Hilfe an! Sprich mit Freunden! Du bist nicht allein! Und wenn du niemanden in deinem Umfeld hast, mit dem du darüber reden kannst, gibt es immer noch die Möglichkeit, die gute alte Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de) anzurufen (0800-1110111 oder 0800-1110222). Dort erhältst du völlig anonym und kostenfrei Hilfe.
Sollte es jemandem in deinem Freundes- oder Bekanntenkreis geben, der sich in dieser Richtung auffällig verhält, sprich diese Person an und lass sie nicht allein. Achtet aufeinander und gebt euch gegenseitig Rückhalt. Danke!





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