Kraftwerk in Lingen
Ein Konzert wie ein Museumsbesuch
Lingen (ml)
Kurz vor Nikolaus bekam die EmslandArena in Lingen einen Besuch von Legenden. Die Elektro-Pioniere von Kraftwerk gaben ein Konzert.Folgt uns auf Instagram | Folgt uns auf Facebook
Kraftwerk gehen mit ihrem Publikum auf eine Reise durch die Computerwelt. Foto: Marcel Linke
Das Publikum ist stark gemischt. Junge und ältere Personen besuchen die EmslandArena. Klar: Kraftwerk sind seit 1970 unterwegs. 55 Jahre als Band. Es gibt weltweit nur wenige Bands, die noch aktive unterwegs sind und es auf mehr Zeit schaffen. Und es gibt auch nur wenig
| Fotos zum Konzert Homepage von Kraftwerk |
Das Konzert beginnt sehr pünktlich um 20 Uhr. Eine Vorgruppe gibt es nicht. Kraftwerk genügen sich selbst und möchten dabei nicht einmal im Mittelpunkt stehen. So gibt es nur sehr sehr wenige Strahler, die die Bühne auch nur sehr selten ausleuchten. Kraftwerk stehen hinter ihrer Musik und hinter ihren Videowelten zurück.
Vorne die vier Musiker hinter ihren Pulten, im Hintergrund eine höchstauflösende Videowand auf der Grafiken und Videos zu den Songs live zusammen gemischt werden. Wo sonst der Video Operator an der Mischpultstation im Publikum ist, steht mit Georg Bongartz der Video Operator mit auf der Bühne. Die Präsentation ist hier nicht nur Begleitwerk sondern elementarer Teil der Show.
Und so fühlt sich dann auch relativ schnell das Konzert von Kraftwerk nicht mehr nach einer typischen Musikveranstaltung an sondern eher nach einem Museumsbesuch in einem Kunstmuseum. Moderne Kunstmuseen sind heutzutage nicht mehr nur mit Malereien bestückt, es gibt Videoinstallationen, es wird Musik gespielt. Manchmal farbenfroh, manchmal düster. Genauso sind die Videos auf der Leinwand. Kraftwerk begeben sich und ihr Publikum von vornherein in die "Computerwelt". Schon 1981 erschienen war das nicht nur komplett neu sondern geradezu visionär. Personal Computer waren damals zwar schon wenige Jahre auf dem Markt, aber noch sehr teuer. In Privathaushalten so gut wie nicht anzutreffen. Selbst viele Unternehmen haben zu der Zeit noch nicht auf Computer gesetzt.
Und jetzt? Wir leben in einer Computerwelt. Wir sind komplett umgeben von Computern, die vernetzt sind und ohne die nichts mehr laufen würde. Wir lassen uns freiwillig durchleuchten und überwachen, unsere Geräte wissen um unsere Gesundheit Bescheid, unsere Geräte wissen wo wir sind, unsere Geräte können für uns sogar den Notruf betätigen, wenn es darauf ankommt. Auch im Körper können eingeschränkte Funktionen durch Elektronik wieder hergestellt werden, die ersten gehen sogar schon so weit sich zur Optimierung Elektronik einzupflanzen. Der Mensch wird langsam zur "Mensch-Maschine". Kraftwerk liefern hier den passenden Soundtrack und die Bilder dazu.
Die wohl bekanntesten Lieder von Kraftwerk dürften wohl "Autobahn" und "Das Model" sein. Prägnant ist vor allen Dingen das Video zu "Autobahn". Wir folgen einem VW Käfer bei der Fahrt über eine computergenerierte Autobahn. Und natürlich darf auch "Das Model" nicht fehlen. Wird viel Gesang von voraufgezeichneten Gesangsspuren in die Live-Musik hinein gespielt, so hat Gründer Ralf Hütter dennoch ein Mikrofon am Mund. Damit macht er nicht nur Ansagen, er singt auch und die Stimme fügt sich durch Gesangseffektgeräte nahtlos in die elektronischen Klänge der Band ein.
Sehr klar wird der Einfluss von Kraftwerk auf die heutige Popwelt übrigens bei "Computer-Liebe". Die eingängige Melodie wurde von keinen anderen als Coldplay mit "Talk" gecovert".
Kraftwerk spielen live viele thematisch zusammengehörige Medleys ihrer Stücke, die nahtlos ineinander übergehen. Zur "Tour de France" gibt es mehrere Lieder. Diese sind auf der Bühne neu aufbereitet und zusammen gemischt. Mit "Boing Boom Tschak", "Techno Pop" und "Musique Non Stop" sind auch mehrere thematisch zusammengehörige Lieder live zu einem Stück zusammen gefasst.
Und damit gehen Kraftwerk dann auch nach bereits über zwei Stunden in eine kurze Zugabenpause.
Zurück kommen Kraftwerk mit ihrem Hit "Die Roboter" um danach das Konzert nach 2 Stunden und 15 Minuten zu beenden.
Ein Konzert, welches sich tatsächlich mehr wie ein Museumsbesuch anfühlte. Kraftwerk als Band stehen hinter ihrer Musik und hinter den Videos zurück. Sie sind die Künstler, die diese Welten erschaffen und begreifen sich auch selbst als Kunstwerk. Mit ihrer Musik und ihren Videos wollen Kraftwerk das Publikum zum Nachdenken anregen. Im Publikum gab es wenige Leute, die tatsächlich getanzt haben, noch weniger haben hier und da mal zaghaft mitgesungen. Die Show überwältigte einfach.
2012 spielten Kraftwerk mehrere Konzerte im New Yorker Museum of Modern Art. Nach dem Konzert in Lingen ist klar, dass dort wirklich einfach das zusammen kam, was zusammen gehörte. Eine Gruppe der größten Erschaffer moderner Kunst gehören wohl in das bekannteste Museum für eben solche.
