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Portugal. The Man

Locations
Lido



Datum: 22.11.2009

Im Gespräch mit Portugal. The Man

Ausgerechnet Alaska - vom Last Frontier ins Lido

Berlin (m2w)    ein Bericht von Maja Schäfer

Portugal. The man – Bei diesem Namen denkt manch Ahnungsloser wohl automatisch an sommerliche Temperaturen und lange Sandstrände. In Bezug auf einen Bandnamen vielleicht dank des Zusatzes „the man“ noch an einen braungebrannten, europäischen Solokünstler…

Homepage von Portugal. The man


Von wegen!

Den einzigen Hinweis den „the man“ unter Umständen über die wahren Hintergründe der dazugehörigen Band geben könnte, ist der, dass die Mitglieder (übrigens in Wirklichkeit vier an der Zahl) aus dem am wenigsten dicht besiedelten Staat Amerikas kommen. Die Rede ist von Alaska. Auf ca. 1.700.000 km² Land treffen hier knapp 670.000 Einwohner. Da kann man sich als Einzelner schon mal wie der letzte „man“ auf der Welt fühlen.

Trotzdem singen die 2004 gegründeten Portugal. The man: „When I lived in the woods everything was alright“ – Ausnahmsweise haben wir es hier also nicht mit einer mit ihrem Schicksal hadernden Band zu tun, sondern mit einer Gruppe, die sich mit ihrem Heimatort arrangiert hat und seit vier Jahren äußerst erfolgreich das Beste aus ihrer Herkunft macht. Tatsächlich antwortet Gründungsmitglied und Bassist Zach Carothers auf die Frage, ob die Musik von Portugal. The man auch ohne den Einfluss ihrer Heimat denkbar wäre, mit einem entschiedenen „nein“. Und gibt darüber hinaus zu bedenken: Dieses Fleckchen Erde dient vor allem Sänger und Songschreiber John Gourley als stetige Inspirationsquelle. So basiert das vierte, im Juli diesen Jahres erschienene Album The Satanic Satanist laut Zach fast ausschließlich auf den Kindheitserinnerungen von John, der wie Zach selbst in Wasilla, Alaska aufwuchs.

Fragt man Zach und Keyboarder Ryan Neighbors an diesem regnerischen Sonntagabend, kurz vor ihrem ausverkauften Konzert im Lido, wie sie es geschafft haben, in nur knapp über vier Jahren Bandgeschichte ganze vier Alben zu veröffentlichen, während es andere Bands in der selben Zeit kaum fertig bringen einen einzigen Longplayer zu produzieren, gestehen die beiden ehrlich: „Ja, wir sind Workaholics. Und frei hatten wir in den letzten vier Jahren genau zwanzig Tage“. Was sich zunächst wie ein Knochenjob anhört – ist auch einer.

Bis zum späten Nachmittag saß die komplette Band noch im Tourbus, gesehen haben sie von Berlin noch nichts, geschlafen auch nicht wirklich. Trotz dieser widrigen Umstände versuchen ein sichtlich erschöpfter Zach und ein noch müderer Ryan dennoch höflich alle Fragen zu beantworten und ihren Schlafmangel zu überspielen. Schnell merkt man: Ja, das viele Touren zehrt verständlicherweise an den Kräften, aber die Jungs aus Alaska können gar nicht anders. Das ist eben ihr „Business“ wie Zach es so schön auf den Punkt bringt und Ryan fügt hinzu: „Das ist unsere Leidenschaft. Wir wüssten gar nicht, was wir anderes machen sollten“. Diese Leidenschaft, begleitet von einer ungewöhnlich ausgeprägten Arbeitsmoral ist wohl auch der Grund dafür, dass das fünfte Album American Ghetto bereits in den Startlöchern steht und Ryan verrät, ein sechstes Album sei ebenfalls geplant und solle zusammen mit American Ghetto 2010 erscheinen.
Zwei Alben in einem Jahr? Ob das gut gehen kann?!

Im Falle von Portugal. The man höchstwahrscheinlich schon. Diese Band schafft das scheinbar Unmögliche: Während die Musik manch anderer Rock-Kombo nur durch Vergleiche zu anderen Gruppen charakterisiert werden kann, zeichnet Portugal. The man eine heutzutage nur äußerst selten anzutreffende Eigenschaft aus. Ihre Musik legt keine Analogien nahe. Vielmehr will einem beim Hören so rein gar keine Parallele zu schon Dagewesenem einfallen. Auf dieses Faktum angesprochen, reagiert Ryan sichtlich stolz, bedankt sich lächelnd und gibt zu, die Band sei trotzdem sehr wohl beeinflusst von dem Sound anderer Musiker, als da wären: The Beatles und Pink Floyd.

Interessant ist auch die Tatsache, dass man nur mit Mühe eine einzige schlechte Kritik über Portugal. The man findet. Obwohl sich die Band auf jeder Platte neu erfindet und jedes Album komplett anders ist als sein Vorgänger, scheinen sie es zu schaffen, weder ihren Fans vor den Kopf zu stoßen, noch die Kritiker zu enttäuschen. Zack erklärt lachend, dass ihm zwischenzeitlich trotzdem die ein oder andere schlechte Rezension in die Hände fällt – im Übrigen sind ebendiese laut Zach die einzigen Kritiken, die er und der Rest zur allgemeinen Belustigung lesen und sogar sammeln.
Die Zahl ihrer Anhänger wächst trotz dieser raren negativen Besprechungen, der Club-Untauglichkeit der meisten Songs und obgleich man die Songs der vier Amerikaner nur selten bis gar nicht im Radio hört, mit jedem Tag. Die Konzerthallen, die bei der letzten Tour noch halb gefüllt waren, sind inzwischen beinahe restlos ausverkauft. Vor allem in Deutschland. Dies mag wohl auch dazu beitragen, dass Zach und Ryan auf die Frage, in welchem Land sie am liebsten auftreten, unisono antworten: „Deutschland!“ Und hier vorzugsweise in großen Locations, da die Stimmung dort erfahrungsgemäß am besten sei.

Erstaunlich ist auch der Umstand, dass die Band ihre Fans in Interviews und auf der Bühne immer wieder dazu ermutigt, ihre Musik kostenlos runterzuladen und zu „teilen“, sowie die eigentlich beängstigende Tatsache, dass sich das zweite Album Church Mouth angeblich nur halb so gut verkaufte wie der Erstling Waiter: „You Vultures!“. Die Frage, ob die Band denn keine Angst hätte, dass eines Tages jeder ihre Songs kenne, aber sie nichts mehr mit Albumverkäufen verdiene, verneint Zach gelassen, denn das Geld käme schließlich nicht nur durch Platten, sondern im Falle von Portugal. The man in erster Linie durch Konzerttickets, T-Shirt-Verkäufe und Co. Zach unterscheidet in diesem Zusammenhang liebevoll zwischen den „Nerds“, die das Album zwar downloaden ohne dafür zu bezahlen, dafür aber nach dem Konzert eiligst den Merch-Stand plündern und den Fans, die ihr Geld lieber in Original-CDs und Vinyls investieren.

Letztere Sorte von Sympathisanten ist es dann wohl auch, die sich besonders an dem fantastischen Artwork des neuen Albums freuen dürfte. Die Band entschied sich dieses Mal dagegen der CD nur ein übliches booklet beizulegen. (An dieser Stelle verlieren sich Ryan und Zach nebenbei bemerkt in einem leidenschaftlichen Disput über die Booklets eines gewissen Justin Timberlake, dessen Musik man zwar schätze, der seine unzähligen Dollar nach Meinung der beiden aber sinnvoller anlegen könne als in langweilige Heftchen mit Snapshots von sich selbst). Stattdessen fasste man den Entschluss, den Fans ein Geschenk in Form eines von Sänger John designten Kunstwerks zu machen. Selbiges kann man ausklappen, auf verschiedene Weise zusammenfalten und sich nach Belieben in den eigenen vier Wänden aufstellen. Laut Zach zeigt dieses Kleinod, dessen Produktion sehr viel teurer war als die eines handelsüblichen Booklets übrigens „die Landschaft Alaskas mit Science-Fiction-Elementen“. Immerhin ist es denkbar, dass sich einige Fans zugunsten dieses Meisterwerks in Miniatur-Format dazu durchringen, das Album zu kaufen anstatt es bei Rapidshare und Konsorten im MP3-Format zu laden, so Zach.

Auffallend ist jedoch, in welch enormen Kontrast das in Pastell-Tönen gehaltene Design zum Titel The Satanic Satanist steht. Auch Zach gibt zu, dass zwischen der Farbenvielfalt des Covers und dem Namen eine gewisse Diskrepanz besteht, erklärt die Wahl des Titels aber folgendermaßen: „Es gab eine Zeit, in der John allein durch Alaska reiste und sich wie ein Ausgestoßener fühlte – wie ein satanic satanist eben. Daher der Name.“
Auch vier Jahre ununterbrochenes Touren später ist John laut Zach immer noch das schüchternste Bandmitglied und trägt auf der Bühne nicht etwa grundsätzlich eine Wollmütze, weil er Angst hätte, die klimatischen Verhältnisse Alaskas könnten auch die Konzert-Hallen Europas heimsuchen – Nein, er ist bloß ein bisschen unsicher und versteckt sich deshalb gerne unter übergroßen Kopfbedeckungen. Seine Anhängerschaft im Lido möchte ihm da natürlich in nichts nach stehen und so sieht man trotz einer gefühlten Raumtemperatur von 40° kurz nach dem Interview in den ersten Reihen unzählige wippende Mützen. Und tatsächlich trifft auch Ryans augenzwinkernde Publikums-Prognose zu: „Unser Publikum ist nicht hip, genauso wenig wie wir“, von 15 bis 65 Jahren ist jedes Alter im Saal vertreten und die sonst so schwer zu begeisternden Berliner Zuschauer sind von der ersten Sekunde an gefangen im Bann von Johns Stimme und der unglaublichen Intensität der Live-Qualitäten von Portugal. The man. Von der anfänglichen Müdigkeit vor dem Konzert ist ab dem ersten Takt jedenfalls nichts mehr zu spüren.

John singt: „When I lived in the woods everything was alright” –
Mag sein, im ausverkauften Lido ist es an diesem Abend für 80 Minuten allerdings mindestens genauso schön.