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Rezension

Bands
Green Day

Locations
UCI Kinowelt



Datum: 15.11.2010

Green Day doppelt - oder wie sich MTV selbst ermordet

Bad Oeynhausen (ml)    Green Day sind aktuell wohl die größte Rockband des Planeten. Zahlreiche Platin-Auszeichnungen ("American Idiot" hatte sogar in allen wichtigen Musikländern Mehrfach-Platin bekommen), Nummer 1-Alben, ausverkaufte Tourneen, ein "Green Day: Rockband"-Spiel für die Playstation und die Nintendo Wii, ein Gastauftritt im The Simpsons-Kinofilm und jetzt sogar ein eigenes Konzert-Gastspiel im Kino. MTV macht es möglich, oder vielleicht doch nicht?

Foto: Tobias Tauch (Green Day, 1LIVE Radiokonzert, 09.05.2009, E-Werk Köln)

Das Konzert auf MTV.de nochmal anschauen
Deutschsprachige Homepage von Green Day
UCI Kinowelt Bad Oeynhausen


Es ist klar, dass wir uns das nicht entgehen lassen. Green Day im Kino mit der gleichen Show, die wir schon in Dortmund und Hannover gesehen haben. Wie das rüber kommt, erfährt man in diesem Bericht, der als Split-Artikel zwischen dem Konzert in Hannover und der Kino-Aufführung des 2009er Konzertes aus der Münchener Olympiahalle gedacht ist.

Hannover, das Wetter ist für Ende Mai nicht so toll. Dieses Wochenende ist mit Jupiter Jones am Freitag, The Prodigy am Samstag und nun Green Day mit dem Support Donots ein anstrengendes Wochenende. Nächste Woche geht es gleich weiter zu Rock im Park. Aber heute heißt es, erstmal der größten Rockband des Planeten die würdige Ehre zu erweisen.

Mit gemischten Gefühlen geht es heute in die UCI Kinowelt nach Bad Oeynhausen. Die Konzerte der letzten Tour Green Day-Tour waren alle 150 Minuten lang. Für die Kinoaufzeichnung sind 90 Minuten angekündigt. Wir sind um 19:30 am Ticketcounter um uns die Tickets abzuholen. Danach geht es noch einmal in den Werrepark. Bis Beginn der Aufführung ist noch eine halbe Stunde Zeit.

Die Halle ist voll. Das Licht geht zum ersten Mal aus. Ingo Knollmann und seine Jungs entern die Bühne der TUI Arena. Die Donots sind ohrenbetäubend laut, die Masse wogt und ich mittendrin. Innerhalb einer halben Stunde arbeiten sich die Jungs aus Ibbenbüren durch ihre komplette Bandgeschichte. Höhepunkt in Hannover ist definitiv "Whatever Happened To The 80s" mit der treffenden Zeile: "When will the Scorpions break up?". Dies im Normalfall zu fragen ist in Hannover und gerade in der TUI Arena sonst sehr gefährlich. Den Donots wird heute dafür zugejubelt, zumal sich die Hannoveraner Band Scorpions mittlerweile seit gefühlten drei Jahren auflöst.

Im Kino wird heute wenig Werbung gezeigt. Als das zweite Mal das Licht ausgeht und die Produktionsfirmen eingeblendet werden weiß man, gleich ist es so weit. Gleich sind Green Day auf der Leinwand. "21st Century Breakdown", auch Titel zum aktuellen Album, macht den Anfang.

Das Licht wird abermals dunkel. Die Töne von "Song Of The Century" erklingen als Intro. Es gibt kein besseres Intro. Zu erst kommt Tré Cool auf die Bühne. Läuft nach vorne über den Laufsteg zum Publikum, dreht sich um, wirft seine Sticks zum Schlagzeug und rennt selbst hinterher. Toller Clown, aber eine solche Ausbildung hat er ja auch. Kurz darauf erscheint auch Mike Dirnt und dann Billie Joe Armstrong. Es wird laut, die Masse dreht durch und "21st Century Breakdown" erklingt.

Sehr schnell wird klar, dass der Sound im Kino nicht an das heran kommt, was man live oder auf Platte gewohnt ist. Es ist wohl auch mit einem zu hohen Aufwand verbunden, den Equalizer extra für eine Konzertvorstellung, die ja derzeit noch in der Minderheit sind, umzustellen. Billie Joe Armstrong hat unüblicherweise, wie auch schon in Dortmund, blonde Haare, aber das war damals wie heute egal. Okay, den Frauen nicht.
"21st Century Breakdown" ist zu Ende und es folgt "Know Your Enemy". Erste Single-Auskopplung des aktuellen Albums. An den Kinositz gefesselt lässt man sich von den beeindruckenden Bildern in den Bann ziehen. Eine ausverkaufte Multifunktionsarena, wie die Olympiahalle, auf der Leinwand zu sehen, erlebt man nicht alle Tage. Tolle Bilder. Was man auf den Konzerten als Besucher in den ersten Reihen nicht mitbekommen hat: Billie Joe Armstrong lässt es sich nicht nehmen von der Bühne runter und dann einmal, begleitet von Securities quer mit Gitarre durch das Publikum zu rennen.
Schon jetzt lässt er die erste Person auf die Bühne, die singen soll.

"Know Your Enemy" - spätestens jetzt rasten alle aus. Schweiß rennt einem am Körper runter, Schweiß rennt jedem hier vorne am Körper runter. Es herrschen gefühlte 50 Grad in der Halle, Billie und Co sind auf einem Meter Entfernung vor einem. Rockstars erster Güte. Als Billie die erste Person zum Mitsingen auf die Bühne holt, kommt in ihm aber auch das Kindliche durch. Große Augen, breites Grinsen, wie ein Kind, welches seinen Kuchen bekommt. Der Graben zwischen Bühne und Publikum ist dieses Mal so klein gehalten, dass man das Gefühl hat auf einem Clubkonzert zu sein. Hinter einem Tausende von Menschen. Es wird Adrenalin ausgeschüttet. Dieser Abend darf nicht zu Ende gehen.

Stimmung will im Kino einfach nicht aufkommen. Und das, obwohl heute definitiv auch Fans mit T-Shirts anwesend sind. Die Band spielt vorne auf der Leinwand "East Jesus Nowhere". Das Kind, welches Billie auf die Bühne holt, sorgt nochmal für Lacher. Über "Holiday" und "The Static Age" geht es weiter durch das Set.

Die Menge ist am Jubeln. Man weiß nicht, was lauter ist. Das was von links, rechts und von vorne aus den Lautsprechern kommt? Oder das, was von hinten kreischt, mitsingt oder mitgrölt? Wer heute nicht hier ist, hat was verpasst. Es sind Konzerte, an die man sich in Jahren noch erinnern kann. Pyrotechnik zündet und man kriegt die Hitze direkt ab. Zwischendurch fühlt man sich, wie eingesperrt im Backofen. Aber das ist egal. Es geht nach links, rechts, nach vorne und nach hinten mit der Masse. Arme gehen hoch und "Holiday" klingt im Chor einfach nur noch geil.

"St. Jimmy" ist heute das nächste Lied. Wer schon auf mehreren Konzerten dieser Band war, weiß, dass davor eigentlich "Are We The Waiting" kommen muss. Dieser Song fiel wohl der Schere durch MTV zum Opfer. Nicht der einzige, schon fast bösartige, Schnitt wie sich später heraus stellen sollte.
Es folgt direkt im Anschluss "Boulevard Of Broken Dreams". Eingeblendet durch einen sehr krassen Schnitt. Wurde hier eventuell das Wort "fucking", welches Billie gerne in den Satz "and don't wear it out" einbaut, weg gelassen? Für MTV wäre es typisch. Mittlerweile ist auch dem letzten im Kinosaal klar geworden, dass hier doch ziemlich viel geschnitten wird. Beeindruckend bleiben aber immer noch die Bilder. Gerade zu "Boulevard Of Broken Dreams" strecken sich mir lauter Hände des Publikums entgegen. Die Olympiahalle sieht beeindruckend aus. Die Tribünen sehen, gefilmt von der Bühne aus, wie eine Wand aus Menschen aus.

Green Day spielen sich weiter durch ihr Programm. Klasse Stadionrock der heute geboten wird. "Give Me Novacaine" und "Are We The Waiting" geben einem eine Verschnaufpause, bevor es wieder gerade nach vorne geht mit "St. Jimmy". Man ist jetzt schon außer Atem, aber "Hitchin' A Ride" sollte alles entschädigen. Die Band hört irgendwann auf zu spielen und bespritzt die Menge mit Wasser. Danke Green Day. Endlich nicht mehr so dehydriert.

Mittlerweile hat MTV schon mehrere tolle Hits aus dem Kinofilm gehauen. "Hitchin' A Ride" fehlt. Es geht aber weiter mit "When I Come Around", "Brain Stew" und dem Uraltklassiker "Jaded".

"When I Come Around" setzt das Konzert nach dieser Erfrischung fort. Einer der absoluten Green Day-Hits. Man kann wohl sagen, dass "Dookie" wahrscheinlich eines der besten Alben der modernen Rockmusik ist. Auf alle Fälle ist es das wichtigste Album für Green Day. Begründet doch die Single "When I Come Around" zusammen mit "Basket Case", welches heute Abend noch später folgen sollte, den internationalen Aufstieg der Band.

Nach diesem kurzen Gastspiel auch etwas unbekannterer älterer Songs von Green Day kommt "Basket Case", direkt gefolgt von "She". Selbst zu "Basket Case", welches nun wirklich die Green Day-Nummer schlechthin ist, bleiben alle Kinobesucher an ihren Sitzen kleben. Verständlich. Irgendjemand hätte den Anfang machen müssen, viel früher. Nun traut sich niemand mehr, nun möchte niemand mehr den Vorreiter spielen. Es heißt also genießen und der hüpfenden Audienz in der Olympiahalle München beim Pogo zuzuschauen. Erinnerungen werden wach an die Konzerte der letzten Tour. Man möchte wieder dort sein.

Nach einem kurzen Ausflug in Richtung Rockklassiker (es werden "Iron Man" von Black Sabbath, "Rock You Like A Hurricane" von den Scorpions, "Paint It Black" von den Rolling Stones sowie "Highway To Hell" von AC/DC als Medley gespielt) kommt "Longview" vom Album "Dookie". Heute werden Frauenherzen glücklich gemacht. Zumindest die von zwei Frauen, die heute mit Billie auf der Bühne singen dürfen. Es folgen "Basket Case", "She" und einer der besten Live-Songs von Green Day "King For A Day", welches tradionsgemäß mit "Shout" von The Isley Brothers und "Always Look On The Bright Side" von Monty Python beendet wird. Dieses Mal baut die Band zusätzlich noch "Stand By Me", "Hey Jude" und "(I Can't Get No) Satisfaction" ein.

Der Abend nähert sich langsam dem Ende. Zu "21 Guns" gibt es ein schönes Indoor-Feuerwerk und "Minority" wird mit einem Konfettiregen beendet. Was jetzt folgt ist "American Idiot". Schon vorher zeigten die Fernsehkameras sehr viel pogende Massen. Jetzt ist es so weit: "American Idiot" zeigt wohl die erste Wall of Death, die es je auf einer Kinoleinwand gegeben hat.
Etwas ruhiger geht es da dann bei "Jesus Of Suburbia" zu, welches von MTV (das M steht übrigens nicht mehr für Music, sondern wohl eher für Moneymakers) nach der Hälfte abgebrochen wurde um mit "Good Riddance (Time Of Your Life)" den standardmäßig letzten Song eines Green Day-Sets zu zeigen. Nach 80 Minuten ist der Kinoabend beendet.

Nach diesem Intermezzo an guter Musik darf man zu "21 Guns" noch einmal richtig träumen. Das Feuerwerk, welches unter der Decke der Halle gezündet wird läd dazu auf alle Fälle ein. Augen schließen und die Musik und den Gesang aus tausenden Kehlen genießen ist die richtige Strategie.
"Minority" beendet nach 2 Stunden das reguläre Set mit einem Konfettiregen.
Mit "American Idiot" kommt die Band zurück auf die Bühne. Jetzt heißt es nochmal alles geben. Es ist kurz vor Schluss. Die gesamte Power wird hervor geholt und entläd sich im darauf folgenden "Jesus Of Suburbia". Schade bloß, dass die Band heute niemanden auf die Bühne holt, der die E-Gitarre spielt, wie sie es sonst sehr oft tut. Dabei habe ich den Song doch extra einstudiert.
Die Band geht abermalig von der Bühne um mit dem letzten Zugabenteil zurück zu kommen. "Wake Me Up When September Ends" schließt das Konzert zusammen mit der Band ab. Danach bleibt noch Platz für Billie Joe Armstrong himself und seiner Acoustic-Gitarre, um "Good Riddance (Time Of Your Life)" zum Besten zu geben. Nach 2 1/2 Stunden geht die Band von der Bühne und hinterlesst ein total kaputtes, aber sichtlich glückliches Publikum. Fantastisches Konzert. Fantastischer Abend.


Nach 80 Minuten Green Day geht im Kinosaal das Licht an. Viele Besucher, die heute 10 Euro ausgegeben haben, starren noch ungläubig auf die Leinwand, bevor sie realisieren, dass es zu Ende ist.
Das einzig Gute an dem Abend waren ein paar beeindruckende Bilder. Mit einer Green Day-DVD ist man allerdings besser bedient.
MTV hat schlecht geschnitten, nur die Hälfte des Konzertes gezeigt. Die größte Frechheit, die man sich hier mit den zahlenden Fans erlaubt hat war es, "Jesus Of Suburbia" mitten im Lied abzubrechen. Dass der Sound in einem Kinosaal nicht optimal sein wird, ist klar, dass ein Konzert allerdings so merkbar zurecht geschnitten wird, Live-Highlights wie "King Of The Day" der Schere zum Opfer fallen, um Kosten zu sparen, ist unverständlich.
PTV (das P steht nicht für Music, sondern für Pay) schaufelt sich immer tiefer ins Grab. Mittlerweile dürfte es wohl auch schwierig sein, da noch als Untoter heraus zu kommen.