Home

Taglist:

Allgemein
Konzertbericht

Bands
Herrenmagazin
Wir sind Helden

Locations
Ringlokschuppen



Datum: 28.10.2010

Bring mich nach Bielefeld

Bielefeld (m2w)    von André Siekmeier

3 Jahre mussten sich "Wir sind Helden"-Fans gedulden bis das neue Album fertig war. Seit Ende August steht "Bring mich nach Hause" nun in den Regalen und wird mit gemischten Gefühlen empfangen. Ein Grund mehr sich auf der derzeit laufenden Tour selbst ein Bild zu schaffen.
Mit auf dem Tourplan steht der Bielefelder Ringlokschuppen, wo die Helden nicht zum ersten Mal spielen. Unterstützt werden sie dabei von der Hamburger Band "Herrenmagazin".

Bilder zum Konzert
Homepage von Wir sind Helden
Homepage von Herrenmagazin


Dass der Ringlokschuppen ausverkauft ist, passiert nicht mehr alle Tage. Heute ist es allerdings so. Der Parkplatz ist schon früh voll und die Schlange vor dem Einlass ist lang. Die Menschen, die dort warten sind angenehm unterschiedlich. Wir sind Helden-Fans sind zwischen 14 und 54 Jahre alt, kommen allein oder gleich mit der ganzen Familie. Man erkennt sie nur an den "Guten Tag"-Shirts und der Vorfreude. Die ist heute groß.
Daher geht es pünktlich los im Ringlokschuppen. Um halb 9 gehen die Lichter erst aus, dann gehen sie wieder an und auf der Bühne stehen 4 Junge Männer, die nun wirklich nicht nach Stars aussehen. Die Musik allerdings ist ganz großes Kino!
Der Sound passt noch nicht hundertprozentig, aber man bemerkt schon während der ersten Songs fleißiges Nachregeln und die nötigen Verbesserungen. Leider erreicht der Gesang bis zum Ende nicht die Qualität, die hier möglich gewesen wäre. Doch kommt die Bassdrum nun mit Druck, die Gitarre mit Wucht und die Stimme mit Gefühl. Lauter als die Band ist nur der Applaus der Bielefelder Zuschauer – "Herrenmagazin" gefallen. Das ist eine Vorband, die den Anspruch erkennen lässt schon bald selbst Headlinershows zu spielen. Die Songs dafür haben sie schon heute dabei. Mit tollen Melodien, gefühlvoll und mit intelligenten Texten rocken sie 1000 Städte, bei Bielefeld gibt es Szenenapplaus. Das Publikum ist jetzt schon voll dabei und man sieht der Band an, dass es heute Spaß macht Musiker zu sein. Schließt man die Augen und lauscht dem Applaus sollte man meinen, dass die Helden schon die Zugabe spielen. "Herrenmagazin" verbinden die Stärken ihrer MySpace-Topfreunde zu ganz toller Musik. Nun genug des Lobes, heute geht es um eine andere Band.

Die heißt Wir sind Helden. Und als Helden werden sie gefeiert.

Kurz nach halb 10 hat das Warten endlich ein Ende. Das Licht erlischt erneut und Judith Holofernes und ihre Jungs betreten das Auditorium. Man hat viele Gerüchte gehört – nun zeigt sich was daran wahr ist. Fakt ist: Judith ist Mutter geworden, aber wie wirkt sich das auf die Musik aus?
Das Konzert beginnt ungewohnt: ein Folk-Rock Intro begleitet die Band beim Betreten der Bühne. Noch ungewohnter ist die Tatsache, dass Jean Akkordeon spielt und Mark Gitarre. Dazu 2 neue Gesichter auf der Bühne. Piano und Bass haben diese dabei. Nur Judith hat ihre Gitarre vergessen. Was ist hier denn los? Ein Kuss ist ein Kuss ist ein Kuss, soviel ist klar. Das sagt uns der erste Songs "Was uns beiden gehört". Und alles was zuvor über die Lautstärke des Applauses gesagt wurde, muss neu definiert werden. Bei "Herrenmagazin" war es laut, aber nicht SO laut. Ein ausverkaufter Ringlokschuppen ist schon etwas besonderes.
"Von hier an blind" spielen "Wir sind Helden" alte Hits, als gäbe es kein "Bring mich nach Hause".
Was bleibt ist die Verwunderung: Wo kommen die neuen Bandmitglieder her, wo hat Judith ihre Gitarre und warum verdammt nochmal klingt das Bielefelder Klatschen so tight wie es eine Snaredrum nur selten schafft?
Nach "Wenn es passiert" folgt doch noch Judiths Debüt an der Gitarre. "Wir sind Helden" gehen somit mit 3 Gitarren in "Echolot" über. Unterstützt durch eine tolle Lichtshow ist der Song an Atmosphäre und Tiefe schwer zu überbieten. Um das zu untermalen hat der Ringlokschuppen das Lautstärkemaximum ein paar Dezibel nach oben geschraubt. Sterne und Wasser und wir dazwischen. Die jetzt in Blau gehaltene Bühne macht die Stimmung perfekt. Da hat sich wohl jemand was bei gedacht. Simpel aber effektiv – der Applaus erreicht neue Höhen.
In der Folge erliegt Judith den Tücken des Schuppens. Ein Spiegeltrick gaukelt ihr vor, dass "sehr dicke Leute" ihr den Rücken zugekehrt hätten – logisch. Natürlich guckt jeder Anwesende nur auf die Bühne auf der Frau Holofernes peinlich berührt ihren Fehler belacht. Zur Ablenkung zeigt sie stolz ihre Ukulele und bei "Die Zeit heilt alle Wunder" was man damit alles anstellen kann. Ehrlich gesagt kommt die Ukulele gegen die präsenten Gitarren und das Keyboard nicht an. Aber die Geste zählt. Die aktuelle Single heißt "Alles" und die wird vom Publikum gesanglich unterstützt. Bielefeld zeigt sich lautstark und textsicher.

Nach einer halben Stunde wird endlich auf die beiden neuen Bandmitglieder hingewiesen:
Bereits seit den Studioaufnahmen am Bass dabei ist Jörg Holdinghausen, der diesen auch bei Tele spielt. Außerdem gibt es jetzt noch den Keyboarder, der Jean unterstützt und entlastet.

Weiter gehts mit neuem Material. Der Titeltrack "Bring mich nach Hause" ist so ruhig, dass der Applaus dagegen unglaublich laut erscheint. "Du erkennst mich nicht wieder" muss hingegen ruhig sein. Nur begleitet von einer Synthie-Melodie geht dieser Song direkt ins Herz. Als Bass und Drums einsetzen schrumpft der Saal zusammen. Man steht plötzlich allein und lauscht, und wenn es richtig los geht bist du am Ende der Stadt, nein über dem Rand, dennoch genau hier und jetzt. Es sind die ruhigen Songs, die den Charme der Band ausmachen. Den schnelleren fehlt bisher der letzte Kick. "The Geek (Shall Inherit)" soll das nun richten. Es geht gut nach vorne. "Du musst nicht tanzen, aber beweg dein Herz" heißt es - das passt. Aber wirkliches Tanzfieber bricht nicht aus. Also Banjo-Time als Geheimwaffe! Noch nie hat ein Banjo versagt, wenn es darum geht eine Menge zum Mitmachen zu bewegen. Der Songs dahinter "23:55 Alles auf Anfang" wirkt allerdings schwach. Es zeigen sich ernste Zweifel an der Qualität des neuen Materials. Seltsam ist, dass das Publikum dennoch bei jedem Song lauter feiert. Steht der Autor hier mit seiner Meinung allein?

Zeit für eine Ballade kündigt Mark an und stimmt "Endlich ein Grund zur Panik" an. Den Humor hat sich die Band erhalten und mit "Streichelzoo" erschallt der einzige Nicht-Album Track der Setliste. Das kommt gut an, die Menge ist ausgelassen.
Nach ziemlich genau einer Stunde Spielzeit setzt "Aurelie" den bis dahin stärksten Song. Die Helden wollen es jetzt wissen und lassen mit "Guten Tag" und "Denkmal" ihre größten Hits auf Bielefeld los. Jetzt hat es endgültig gefunkt bei den Ostwestfalen und der Schuppen springt im Takt. Mitklatschen ist jetzt selbstverständlich und je nachdem wo man steht, übertönen die mitsingenden Fans Judiths Stimmchen um ein leichtes. Weil das so gut klappt, baut die Band kurzerhand einen Mitsingpart ein, der bis in die letzte Reihe ausgiebig genutzt wird. Ein beeindruckendes Schauspiel zum Ende des Konzerts.
Es wäre ein gutes Ende gewesen, trotzdem es folgt die Zugabe. (Nach Aussage der Bandmitglieder, weil es hinter der Bühne zu kalt sei.) "Die Ballade von Wolfgang und Brigitte", "Rüssel an Schwanz" und schließlich der Megahit "Nur ein Wort" geben dem Publikum noch einmal alles was es will und braucht. Pola macht es vor und Bielefeld tanzt. Wir könnten nun alle in die Nacht hinaus tanzen, begleitet von tosendem Applaus – wohl wissend, dass wir ein tolles Konzert erlebt haben. Aber so kommt es leider nicht. "Im Auge des Sturms" entwickelt sich in ein "let the sunshine in" Frickel-Outro. Soli und Klänge, die zu Judiths Kleidung passen ziehen meine Stimmung nach unten. Nun gut, ist Geschmackssache, aber das hat nichts mit "Wir sind Helden" zu tun. Passt aber zum neuen Album, das komplexer sein will und dabei vergisst zu überzeugen. Mehr Instrumente machen leider nicht automatisch die besseren Songs.
Glücklicherweise schert sich Bielefeld nicht um den Sinn von einem Outro und verlangt noch eine Zugabe. Die wird aufgrund der weiterhin tollen Stimmung und der immer noch klirrenden Kälte hinter der Bühne auch gewährt. Judith präsentiert sich alleine an der Gitarre und singt ein Lied für ihre Kinder. "Nichts, was wir tun könnten" lässt die Feuerzeuge den Saal erleuchten. Das Finale bildet wie gewohnt "Bist du nicht müde". Bielefeld ist es nicht. Es tobt und feiert die "Helden" des heutigen Abends.
Im Ganzen war das ein schönes Konzert mit Höhen, Tiefen und noch höheren Höhen. "Herrenmagazin" wussten zu überzeugen, "Wir sind Helden" über weite Strecken sogar noch mehr. Die Pause ist gut überstanden. Nun heißt es warten auf "Bring mich nach Draußen"...