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Datum: 29.05.2010

Die Jägermeister Rock:Liga

Ring frei für Südstaaten-Schönheiten, Ecstasy-Hasen und Wolfmother-Double

Berlin (m2w)    von Maja Schäfer

Auf die Frage, was der wohl bekannteste Kräuterlikör der Welt und diverse Rockbands miteinander zu tun haben, könnte manch Unwissender fälschlicherweise annehmen, der einzige Zusammenhang bestünde in der unumstrittenen Vorliebe der meisten Musiker für hochprozentige Spirituosen. Dem fachkundigen Konzert-Jünger dürfte die Jägermeister Rockliga jedoch ein Begriff sein, die am 29.05.2010 stolz auf eine sechs-jährige Geschichte zurückblicken kann.

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Seit November 2009 tourten neun Bands in drei Gruppen durch ganz Deutschland und kämpften um die Gunst des Publikums. Bei der Jägermeister Rockliga entscheiden nämlich die Zuschauer per Applaus, wer den Gruppensieg davonträgt, in das Finale einzieht und schließlich die Chance hat, die Rockliga-Trophäe mit nach Hause zu nehmen.

In Gruppe A setzen sich The Silversun Pickups gegen Amusement Parks On Fire und The Films durch, sind aber am großen Tag des Finales verhindert und machen somit den Weg frei für die zweitplatzierten The Films. Hot Hot Heat lassen The Official Sectrets Act und The Teenagers hinter sich und gehen in Gruppe B nach fünf Konzerten als Sieger hervor, während in Gruppe C Does it offend you, yeah? zwar knapp gegen Hadouken! und Datarock gewinnen, letztendlich aber aus persönlichen Gründen nicht an der Endrunde teilnehmen können und so die Rettung der Gruppen-Ehre gezwungermaßen Hadouken! überlassen.

Während rund 15 Millionen Deutsche heute also entgegen aller Regeln des guten Geschmacks den Eurovision Song Contest mitverfolgen, finden sich im Berliner Kesselhaus immerhin ein paar Hundert Menschen ein, die gegen die grassierende Lena-Meyer-Landrut-Epidemie resistent zu sein scheinen und sich FÜR tanzen und GEGEN das heimische Sofa entschieden haben. Darunter selbstverständlich auch meine Begleitung und ich. Die erste Überraschung des Final-Abends erleben wir schon am Eingang. Aus uns unbekannten Gründen war der beliebte deutsche Hochprozentler so nett mich als „very important person“ einzustufen, heißt im Klartext: Jägermeister in all seinen Variationen for free und Zugang zum VIP-Bereich, in dem sich nach dem Konzert auch die ein oder andere Band den ein oder anderen shot gönnen wird. Schöne Sache!

Trotz der allseits geforderten journalistischen Unabhängigkeit, betrete ich die Hallen des ehemaligen Bierbrauerei schließlich nicht ganz unvoreingenommen, was weniger am VIP-Bändchen, als vielmehr an der Tatsache liegt, dass The Films seit ihrem Konzert im Kölner E-Werk 2006 als Support von The Kooks ganz oben auf meiner „Bands, die ich mindestens noch 100000 Mal live sehen will, bevor ich abtrete"-Liste stehen und sich mit ihrer perfekten Mischung aus Glam-Rock, Sixties-Beat und Blues einen Stammplatz in meinem Plattenregal gesichert haben. Geringe Chancen also für Hadouken! und Hot Hot Heat mein Herz zu erweichen. Die einzige Band, die mich an diesem Abend zum hysterischen Schreien zugunsten der Applausometer-Beeinflussung bringen wird, sind The Films.
Dachte ich zumindest.
Dass am Ende alles ganz anders kommt, versteht sich von selbst.

Als die vier gutaussehenden Herren in den 20ern, in ihren pflichtmäßig engen Hosen und adretten Hemden, ausgestattet mit der klassischen Indie-Seitenscheitel-Frisur und dem obligatorischen „The“ im Bandnamen dann die Bühne des Kesselhauses betreten, könnte man voreilig denken, man habe es hier mit einer typischen Brit-Band zu tun. Die vier High-School-Freunde namens The Films kommen allerdings aus South Carolina – und das hört man ihrem Sound auch an.

Die Südstaaten-Jungs um Michael Trent können nach zwei veröffentlichten Alben und ausgiebigen Touren mit Genre-Größen wie Mando Diao vor allem hierzulande eigentlich auf eine beachtliche Fangemeinde bauen. Doch im Kesselhaus will der Funke einfach nicht überspringen und bis auf ein paar vereinzelte Optimisten (mich eingeschlossen) scheint das Publikum nicht wirklich begeistert. Trotz der optischen Vorzüge und der ironischen Texte, die von zu viel Make-up, Pseudo-Künstlern und arroganten Business-Leuten handeln, fällt der Applaus erschreckend spärlich aus. Das bleibt offensichtlich auch von der Band nicht unbemerkt und so meint Sänger Michael Trent nach etwa der Hälfte des Sets eher sarkastisch als überzeugt: „Vote for us, we know you want to!“. Erst der Song black shoes, der von Muttersöhnchen und ihrem Schuhwerk erzählt, vermag das Eis zu brechen und sorgt für vereinzelte Tanzeinlagen. Zu spät, denn nach der bekanntesten Single der Films folgt auch schon holiday der letzte Song ihres sets.

„You are completely replaceable” singt Frontmann Michael Trent und leider scheint ein Großteil der Zuschauer heute Abend der Meinung zu sein, dass dieses harsche Urteil auch auf die Musik der vier Amerikaner zutrifft.
Sei’s drum, ich fand den gig super, hole mir einen Jägermeister Limes von der VIP-Bar und bin gespannt auf Hadouken!. Noch bis kurz vor ihrem Auftritt bin ich übrigens der festen Überzeugung die 2006 gegründete Band aus Leeds zeichne sich eher durch ihre äußerst gelungenen Remixe als durch ihre Live-Qualitäten aus – Ich den nächsten 45 Minuten soll ich schnell eines Besseren belehrt werden.

Schon Sekunden nachdem Sänger James Smith und der Rest der Band die Bühne betreten haben und das Intro zum ersten Song ertönt, ist das Publikum wie ausgetauscht. Die Ansagen, die James in Scooter-Manier an seine Fans richtet, sind banal und trotzdem in Verbindung mit dem Nintendosamples-meet-Grime-meet-Hardcore-Sound der Band dermaßen euphorisierend, dass ich kurz mit dem Gedanken spiele, meine Spiegelreflexkamera in die Ecke zu werfen und mich ins Meer der springenden Masse zu stürzen. „Are you reeeeeady?“ schreit der Sänger, wohl wissend, dass das Publikum mehr als ready ist und von einem ‚moshpit‘ bis zur berüchtigten ‚wall of death‘ alles mitmacht, wozu es aufgefordert wird.

Als beim dritten Song dann auch noch eine lebensgroße Maus die Bühne betritt und tanzt als sei sie auf einem Ecstasy-Trip hängen geblieben, muss auch der letzte Skeptiker schmunzeln und das Publikum, das beim Auftritt der Films noch lediglich durch Desinteresse und Bewegungsfaulheit geglänzt hatte, hüpft im Takt.

Hadouken! wiederum glänzen durch fair-play und widmen nicht nur ihren Kollegen von Does it offend you, yeah? ihre Single That Boy That Girl (die übrigens von Mike Skinner höchstpersönlich gelobt, im Radio gespielt und dadurch bekannt geworden ist), sondern Bassist Christopher trägt auch ein The Whip-Shirt. Wir erinnern uns: The Whip mussten sich im Finale der Jägermeister Rockliga letztes Jahr gegen Friska Viljor geschlagen geben.
„Berlin! This is you last chance!“ brüllt der personifizierte epileptische Flummi James Smith – Dabei hat das Berliner Publikum schon längst bewiesen, dass es nicht zu der Sorte von Hipstern gehört, die in That Boy That Girl kritisiert werden: „I went to a gig but nobody danced, everybody was far too cool. All the kiddies they just stood there, is it the same at their public school? “.

Der Name ‚Hadouken!‘ stammt übrigens aus dem Videospiel ‘Street Fighter’, wie James bei einer seiner wenigen Ansagen ohne appellativen Charakter erklärt, und bezeichnet eine Feuerball-Attacke. ‚Hadouken!‘ passt also sowohl inhaltlich, als auch phonetisch wie die Faust auf’s Auge. Nach dem Auftritt fühlt man sich übrigens tatsächlich wie nach einem Straßenkampf. Diverse Schweißausbrüche und Blessuren gab’s inklusive, aber auch das Gefühl einer der mitreißendsten Live-Perfomances dieser Tage erlebt zu haben.

Hot Hot Heat dürften es nach diesen Dreiviertelstunde puren Glücks nicht einfach haben vermute ich – Und diesmal behalte ich Recht.
Die 1999 gegründete kanadische Band hat zwar fünf Alben im Gepäck und einen Frontmann, der von einem Mädchen neben mir treffend als „der Sänger von Wolfmother… nur sympathisch“ charakterisiert wird, aber eine klassische Indie-Band nach einer alle Genres sprengenden Sensation wie Hadouken! in den Ring zu schicken, war vielleicht nicht die beste Idee. Das Berliner Publikum ist Hot Hot Heat jedoch erstaunlich wohlgesonnen und siehe da!, die Band hat eine ganze Reihe von Fans mitgebracht, die die eingängigen, aber sehr repetitiven Indie-Disco-Hits wie No, Not Now im Chor mitsingt. So eine Solidarität hätte man auch The Films gewünscht.
Bei Goodnight, Goodnight, dem vorletzten Song dieses gelungenen Jägermeister-Rockliga-Finales trällert dann tatsächlich das ganze Kesselhaus unisono mit, reißt beim folgenden Talk To Me, Dance With Me noch ein letztes Mal alle Kräfte zusammen und verabschiedet die Band um kurz vor Mitternacht unter tosendem Applaus. Hot Hot Heat forderten die Zuschauer zwar nicht zu körperlichen Höchstleistungen auf, machten stattdessen aber u.a. darauf aufmerksam, wie empfehlenswert das zweite Album der Films ist.

Doch trotz aller Liebesbekundungen seitens des Hot Hot Heat-Frontmanns reicht es für die Südstaatler am Ende nur für den dritten Platz und zu meiner großen Überraschung zeigt das Applausometer von Axel Bosse nicht etwa bei Hadouken! die höchste Dezibel-Zahl an, sondern bei Hot Hot Heat.
Tja, der Ausgang eines solchen street fights ähh rock battles ist halt nicht immer fair, selbst wenn man eine Feuerball-Spezial-Attacke sein Eigen nennt. Zum Glück gibt es bis spät in die Nacht genügend Jägermeister für Fans und Bands, sodass am Ende sowieso keiner mehr weiß, wer eigentlich gewonnen hat… und überhaupt: Dabei sein ist ja bekanntlich eh alles!