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Konzertbericht

Bands
Faith No More
Harmful

Locations
Kuppelhalle



Datum: 22.06.2009

Reunion

Faith No More auf Reunion Tour

Frankfurt (m2w)    Bericht und Fotos von Christoph Ermel

Mehr als 11 Jahre Wartezeit gingen am 22.6.2009 um kurz vor 8 respektive um viertel nach Neun zu Ende. Zumindest für diejenigen, die sich Karten für das Faith No More Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle gesichert hatten.
Die zuvor offizielle Trennung der Crossover-Päpste der 90er wurde im Februar 2009 revidiert und wird zwischen Juni und Oktober 2009 mit mindestens 33 Konzerten und Festival-Shows zelebriert.

Bilder zum Konzert
Homepage von Faith No More
Homepage von Harmful


Es kamen keine Massen. In die offiziell knapp 2.700 Zuschauer fassende Kuppelhalle in Frankfurt Höchst hätten durchaus noch ein paar zusätzliche Fans gepasst. Weder der Stehbereich, noch die Balkone waren auch nur annähernd „voll“. Dafür, und in Anbetracht der fast nicht vorhandenen Werbung, kamen aber fast ausschließlich „Eingefleischte“. Wie schon zuvor in Foren des Genres angekündigt reisten sehr viele Fans aus dem Ausland an und auch die anwesenden heimischen Besucher stürzten sich gierig auf die dargebotene Kost, die man so schmerzlich und lange vermisste. Die, die da waren, machten Dampf. Randsteher, U30er und „Ein-Lied-Kenner“ gab es augenscheinlich kaum. Dass sich gerade mit einem solchen Publikum eine heiße Stimmung erzeugen lassen kann, zeigte sich in den folgenden knapp 2 Stunden dann deutlich.

Der Abend begann alles andere als „heiß“. Vor dem Einlass mussten sich die Wartenden immer wieder vor Regengüssen vom idyllischen Vorplatz der Halle unter das Vordach flüchten. Mit leichtem Verzug startete der Einlass und die gemäßigte Rennerei um die Plätze ganz vorne konnte beginnen.
Die Ehre, im Vorprogramm einer der seinerzeit wohl kreativsten Crossover-Rock-Metal-Pop-Punk-etc.-Bands spielen zu dürfen, hatte die Frankfurter Band Harmful. Musikalisch an ihre Meister angelehnt, mit einem von Billy Gould produzierten Album im Rücken, aber doch eigenständig versuchten die drei ca. eine Dreiviertelstunde lang, den Ofen mit agressivem, treibendem, teils abwechslungsreichem Crossover-Punk-Metal zu schüren. Trotz einwandfreier Darbeitung ohne viel Gerede sowie gutem Klang und „drückender“ Musik wollte mehr als ein respektvolles Applaudieren nach jedem Titel jedoch erst aufkommen, als sich die Mannen dann nach einem Hommage-Titel an Faith No More sowie dem gebührenden Dank für die Einladung ins Programm verabschiedeten.

Jeder, der schon einmal die Trennung einer ihm lieben Band miterlebt hat, kann sich in etwa vorstellen, wie lange die nun folgende Umbauphase den Awesenden erschien. Ewig. 2 Ewigkeiten. 3 Ewigkeiten. Nach abgeschlossenem, in Wirklichkeit geringfügigem Umbau und Soundcheck folgten nochmal gefühlte 4 Ewigkeiten, während denen man schon Konzertabbrüche, Stromausfälle, Bandmitglieder mit Durchfall oder ähnliche Katastrophen fürchtete. Bis sie dann endlich tosend empfangen werden konnten, die 5 aktuellen Mitglieder von Faith No More: Sänger, Turner und Megaphonmann Mike Patton, der schlacksige Jon Hudson, der als neuestes Bandmitglied mit nur einer gespielten Tour 1997/98 dem einen oder anderen live noch nicht zu Gesicht gekommen war, Daueraushilfsschlagzeuger Mike Bordin sowie die beiden Gründungsmitglieder Billy Gould, der bis heute stille Chef und Bassist der Band und Keyboarder Roddy Bottum.

Nein, sie kamen nicht auf die Bühne, sie schlichen. Im feinen roten Altherren-Anzug mit Blumenanstecker und Gehstock spielte Sänger Patton auf das fortgeschrittene Alter der Bandmitglieder an. Seine Kollegen ebenfalls in ordentlichen Anzügen mit Krawatte, die Bühne mit roten Faltenvorhängen dekoriert, ließ die Szenerie Vergleiche mit einem Altenheim oder zumindest einem gediegenen Herrenhaus natürlich gewollt nahe liegen. So wurde die Show auch standesgemäß mit der überaus langsamen, aber natürlich obligatorischen Wiedervereinigungshynme „Reunited“ eröffnet. Dankbar für den Beginn der Show wurde das Stück aufgenommen, und im gleichen Maße, wie sich das Bühnenlicht und die Bewegungsaktivitäten von Patton langsam steigerten, so steigerte sich auch die Sucht nach dem erlösenden Kick, dem eigentlichen Beginn der Show, bestehend aus Lautstärke, harten Riffs und Arschtritten.
Und die kamen. Oh, sie kamen. Es folgte eine spitzenmäßige Demonstration dessen, was die 5 harten Burschen am besten können: Musikelemente verschiedenster Stilrichtungen vereinen – und dem geneigten Zuschauer damit ordentlich in den Ar....na gut, den Marsch blasen.
Es wurde gerockt, gepunkt, gemosht, fast gerappt und ein wenig gesoftet. Und das Titel für Titel in einer unfassbaren Dichte und Intensität. Manchmal übergangslos, manchmal mit einem kurzen Dank, manchmal mit kurzer, kaum spürbarer Atempause ging der Ritt über Riffs und Basspassagen weiter. Unbekannteres wechselte sich mit Hits ab, kaum war mit „Easy“ etwas Ruhe eingekehrt, krachten mit „Ashes to Ashes“ und „Midlife Crisis“ wieder die Trommelfelle. Und mittendrin 5 Musiker, die spielten, als hätten sie nie etwas anderes getan. Die für mich persönlich größte Überraschung des Abends war die absolute Perfektion im Zusammenspiel der Band sowie Mike Pattons Stimme. Nach so langer Pause bringt dieser noch immer Geräusche und Dezibel aus seiner Lunge, die einem auch als bewandertem Rock- und Metalfan in Zeiten von Exilia und anderen Stimmwundern den Mund vor Staunen offen stehen lassen. Kein altersbedingter schiefer Ton, kein Nachlassen der Stimmdynamik, weder in den fast geschrienen Passagen, noch in den melodiösen, leiseren Teilen. Kein ständiges Griffbrett-Gucken am Bass oder an der Gitarre. Kein gerufenes Einzählen von Schlagzeuger Bordin, keine Momente der Koordination zwischen den Songs. Stattdessen Tempo, Choreografie, Synchronität, Perfektion in allen Bereichen. Von der ersten bis zur letzten Minute. Auch bei Licht und Ton. Eine Klangdynamik, von der sich mancher Festhallen-Soundtechniker eine Scheibe abschneiden kann. Nichts übersteuert, alle Instrumente und Stimmen wurden in absolut einwandfreien Verhältnissen zueinander wiedergegeben. Was haben die denn 12 Jahre lang gemacht? Für diese Tour geprobt? Unglaublich.

Die Stimmung war die gesamte Zeit über astrein. Fast der gesamte Innenraum, so er denn wie eingangs erwähnt auch nicht ganz voll war, sprang und feierte jeden Titel, als wäre es die letzte Zugabe. Stimmungshöhepunkte waren bei „Midlife Crisis“, „Epic“, „The Gentle Art of Making Enemies“ und vor allem natürlich bei „Ashes to Ashes“ zu verzeichnen. Zu Beginn der Show saßen noch viele der Balkonzuschauer, am Ende aber standen sie alle.

Kaum waren sie mit Stock und im Anzug erschienen, so waren sie nach 21 Titeln schon wieder weg. Kurz war es eigentlich nicht. Nur: Gemessen an der Wartezeit von so vielen Jahren konnten die knapp 110 Minuten Crossover in Reinform nicht mal ansatzweise ein Gefühl der Sättigung erzielen. Kaum hat man je ein Konzert gesehen, bei dem wirklich so gut wie kein einziger Zuschauer vor der Zugabe die Halle zu Gunsten eines angenehmeren Heimwegs verlassen hat. Wohl hatten sie Angst, dass es wieder mehrere Jahre dauern könnte, bis die heute schon fast ausnahmslos über 30 Jahre alten Zuschauer die Idole ihrer Jugend erneut zu Gesicht bekommen könnten. Und gemessen am Alter der Musiker ist diese Aussicht nicht ganz unrealistisch.

So bleibt zu hoffen, dass sich Faith No More im gesetzten Alter besser verstehen und ihre musikalische Zukunft nicht wieder an Egos Einzelner zerbricht. Man sollte es meinen, dass sie die Sache jetzt mit etwas mehr Gelassenheit sehen. Der Erfolg ist ihnen wohl garantiert. Und, so sagte es der gute, alte Patton zu Beginn der Show, den Erfolg und den Zuspruch brauchen ältere Herren ganz besonders. Er bat daher um erneuten Applaus für das gerade gespielte Stück – und bekam ihn natürlich.