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Konzertbericht

Bands
Antilopen Gang
Veedel Kaztro

Locations
Ringlokschuppen



Datum: 27.01.2018

Von Rap über klassische Einlagen bis hin zum Punk

Antilopen bringen Anarchie in den Alltag von Bielefeld

Bielefeld (m2w)    Um ihr 2017 erschienenes Album „Anarchie und Alltag“ zu präsentieren, kehrten die selbsternannten kaputten Kyngs nach Bielefeld zurück – um die ansteigende Anzahl Fans unter zu kriegen, dieses Mal im Ringlokschuppen.

Die Antilopen Gang spielte im Ringlokschuppen Bielefeld. Foto: Bastian Sylvester

Langsam aber sicher füllte sich die „Kleine Halle“ im Ringlokschuppen mit sich gar nicht fehl am Platz fühlenden
Fotos zum Konzert
Homepage der Antilopen Gang
Homepage von Veedel Kaztro
Kindern, Antilopen-Hoodie tragenden Teenagern und sowohl punkig als auch rappig erscheinenden 20- bis 60-jährigen. Fast schon überpünktlich ging um Punkt 8 Uhr der Voract auf die Bühne.

Auch wenn dem Publikum anzumerken war, dass nicht vielen der Name „Veedel Kaztro“ etwas sagte, hatte der Kölner Rapper die meisten relativ schnell auf seine Seite gezogen. Spätestens mit dem Song „Mehr Verstand als Glück“, das von seiner ersten EP stammte und textlich die Stimmung hätte herunterziehen können, war die Meute überzeugt und die Bewegungen fingen an über ein synchrones Nicken hinauszugehen. Auch Veedel fand uns anscheinend sehr „sympathisch“ und sein Hang, wirklich so oft Bielefeld auszurufen, dass da kein Mensch freiwillig ein Trinkspiel draus gemacht hätte, sprechen wir nun einfach seiner Aufregung zu. Tatsächlich ging diese Sympathie nämlich von beiden Seiten aus.

Nach einer kurzen Pause verdunkelte sich – Punkt 21 Uhr – die Halle wieder und als Intro wählten die Jungs „We are the Champions“, von wem muss nun wirklich nicht dazu gesagt werden, und viele aus den ersten Reihen stimmten mit ein. Wie durch das Keyboard links schon angedeutet wurde, bedienten sich die Antilopen für ihre erste Bühnenpräsenz den Tastenkünsten Daniels alias Danger Dans, der eine beatlose Version von „Gestern war nicht besser“ vorbereitete, zu der erst Kolja alias Koljah seine Strophe zum Besten gab, gefolgt von Panik Panzer. Nach diesem düsteren, langsamen Stück der neuen Platte als quasi Dehnübung des Aufwärmprogramms, wurde danach fleißig zu „Kyngs sind Back“ vom Abwasser-Mixtape gesprungen, und um die Stimmbänder nicht zu vernachlässigen, folgte ein wenig „Deutschrap muss sterben“-Geschrei im Outlaws-Track des davor erschienenen Albums Aversion. Diesem Dreiergespann treu bleibend wurde danach erst „Fiasko“, „Wir sind es“ und „Leben eines Rappers“ präsentiert. Gefolgt von einer überflüssigen aber netten Einleitung des Abwasser-Songs von Tobias, der nicht zu beneiden ist, wenn er tatsächlich davon träumt, wie die Welt von eben diesem überspült wird. Nichtsdestotrotz war dieser Track gespickt vom wundervollen Humor der Gruppe, die ihre Strophen gegenseitig kommentierten, indem sie alle „Es ist so schmutzig“ in ihr Mic hauchten.

Als nächstes Highlight wurde dann die „Bühnendeko“ weg geräumt, um der dahinter platzierten Band Platz zu machen und zum nächsten Part des Konzerts über zu gehen. Wer sich nämlich mal den zweiten Teil des neuen Albums zu Gemüte geführt hat, dem wurde gezeigt, wie schnell das Herz der Antilopen für den Punk schlägt. Und dass keiner ihrer prominenten Features wie zum Beispiel der Sänger der Kassierer mit dabei waren, merkte man kaum, denn dass die Jungs nicht nur rappen, sondern auch schreien können, bewiesen sie alle male. Und zwar erst mit einer Punkversion von dem goldenen Presslufthammer, dann mit „Alkilopen“ und schließlich mit „Ich bin ein Stück Dreck“, bei dem sie sich nicht lumpen ließen, die komplette Halle des Öfteren den Titel wiederholen zu lassen. Auch der Moshpit, der sich gebildet hatte, erinnerte eher an ein Punk denn an ein Hip Hop Konzert.

Vor dem womöglich bekanntesten Song der Aversions-Platte „Beate Zschäpe hört U2“, nahm sich Daniel dann noch die Zeit, gegen einige Mittelinks-Politiker zu wettern, die sich ständig für die Texte der Antilopen aussprachen, obwohl sie sich in eben diesen eigentlich von ihnen abgrenzen wollten. Es ist wahrscheinlich ärgerlich, sich von Menschen auf die Schulter klopfen zu lassen, die man gar nicht unterstützen will und dem Ärger musste er sich dann auch mal Luft machen – denn aufhören wird das Schulterklopfen damit sicher nicht. Und nachdem ich noch „Patientenkollektiv“ mitgesungen hatte, konnte ich danach mal eine Pause von der zweiten Reihe machen und pinkeln gehen, als „Tindermatch“ angekündigt wurde.

Zur der Freude des Publikums wurde danach wieder das Keyboard hervorgeholt und Danger Dan gab seinen bekanntesten Solotrack zum Besten: „Ölsardinenindustrie“. Und es musste einem einfach das Herz aufgehen, wie die ganze Halle sich danach weigerte aufzuhören zu klatschen und Daniel sichtlich gerührt war und nur meinte, wie unangenehm ihm das wäre, während er zu Boden schaute. Um uns ruhig zu stellen, begann er dann mit dem Pianointro des Stücks „Enkeltrick“, wo dann auch Tobias und Kolja wieder dazu kamen. Den darauf folgenden Track „Flop“ ließen sie geschmeidig in „Viele liebe Grüße“ übergehen, indem sie Daniels Part übergingen, aber nicht ohne dass Panik Panzer hervorhob, wie sehr er sich für seine letzte Line in dem Song schämte. Leider zurecht.

Geehrt wurde der Voract der letzten Monate mit einer kleinen Zugabe seinerseits, die von den Antilopen tatkräftig unterstützt wurde, und zwar handelte es sich wieder um einen alten, aber bekannten Song seiner Büdchen EP „Kölsch Kippe Lederjacke“. Und nachdem ich dann auch „Pizza“ zu Ende ertragen hatte, rockten die Jungs noch eben „Baggersee“ und „Anti Alles Aktion“, ein Motto, das sich schon zu ihren Anfangs-EPs von vor über 8 Jahren zurück verfolgen lässt.

Selbstverständlich kamen sie auch zu einer ausgiebigen Zugabe zurück auf die Bühne, mit dem Anfangstrack des neuen Albums „Trojanisches Pferd“, in dem mal wieder klar wurde, wie wenig sie von mittelinken Befürwortern halten, die ihr politisches Image feiern. Gefolgt von „Verliebt“, dessen Videoclip damals für nicht viel weniger Furore gesorgt hatte und als Abschluss dann den Song, mit dem sie im „Spastik Disaster“-Album damals ganze Studentenstädte auf ihre Fanliste gebracht hatten: Fick die Uni. Für ein Abschlusspogen auch als Punkversion.

Insgesamt also ein musikalisch vielseitiges Programm, das die Menge mit einem guten Gefühl aus der Kleinen und sicher nicht in die Große Halle entließ.

von Sarah Lentz