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Allgemein
Konzertbericht

Bands
Balbina
Okan Frei

Locations
Jovel Club



Datum: 30.11.2017

Ein ganz normales Konzert

Balbina im Jovel Club

Münster (as)    Der Nachholtermin zum 2017er Album "Fragen über Fragen" ist Balbinas erster Auftritt in Münster. Im Zweiten Anlauf spielt sie zusammen mit Okan Frei ein unaufgeregtes Konzert, welches komplett auf Extravaganz verzichtet und damit viele Chancen liegen lässt.

Der Jovel Club ist eine kleine aber feine Lokalität. Die Bühne lässt nichts zu wünschen übrig, es gibt eine Theke und sogar amerikanische Autos als Dekoration. Über die Anlage läuft Sophie Hunger zur Einstimmung. Einzig fehlt es an Publikum. Eröffnet wird dieser Abend von Okan Frei. Der sich sehr dankbar gebende Berliner spielt ein atmosphärisches Set. Seine Stimme wird von einer Ein-Personen-Band begleitet, die sich für Zweitstimme, Keyboard und Synthi sowie Drummachine zuständig zeigt. Der Klang der Bühne und auch die Lichttechnik sind heute von der ersten Sekunde an überzeugend. Sehr gute Arbeit, die vorweg gelobt werden sollte. Musikalisch orientiert sich Okan Frei an Soul und Pop, was er selbst als "Freimusik" bezeichnet. Daraus folgt eine einfühlsam-sanfte Stimme, die sich mal fragend mal verträumt gibt. Ein Album ist bereits angekündigt, aber die "Spiegel EP" ist schon jetzt auf dem Markt. In erster Linie sind es diese Songs, die heute vorgestellt werden: "Licht", "Spiegel" und "Feuerwerk" zünden jedoch nur so halb. Trotz der gesanglichen Qualität, fehlt es an Tempo und musikalischer Abwechslung. Für 30 Minuten Eröffnung war das alles aber vollkommen in Ordnung.

Balbina
beginnt ihr Set mit "Seife". Auch ohne Maeckes einer der stärksten Songs. Erneut macht das Jovel technisch alles richtig: Sound und sogar die Lautstärke der Stimme passen von Anfang an. Eben auf diese Stimme kommt es heute an, musste der ursprüngliche Termin doch krankheitsbedingt ausfallen. Auf Seife folgen "Milchglas" und "Fragen über Fragen". Die Stimme hält! Dieses Konzert startet durchaus vielversprechend. Aber schon jetzt zeigt sich, dass der Feuilleton zuviel versprochen hat. Der SPIEGEL schrieb über ein "Gesamtkunstwerk", der Rolling Stone lobte ihren "Pop, wie ihn sonst niemand macht". Und nun das hier. Balbina präsentiert ihre Songs - und mehr nicht. Vorweg: Das hat sie wunderbar gemacht, gute Band und das Set hat keinen Publikumsliebling vergessen, ob "Goldfisch" oder "Wecker". Doch: Vom Gesamtkunstwerk durften wir nur die musikalische Dimension genießen.

Und das ist Pop, so wie ihn sehr viele andere auch machen. Auf der Bühne wurde Balbina begleitet von einer Band, bestehend aus Schlagzeuger, Gitarre, der auch mal Bass spielt und Keyboarder. Kein Orchester - auch kein kleines - kein "Glanz" um es in Balbinas Worten zu sagen. Die große Geste im kleinen Rahmen, sie wäre möglich gewesen. So vermissen wir das orchestrale der "Grübeln"-Platte. Wir vermissen aber viel mehr. Beispielsweise die Kostüme: Balbina trägt das ganze Konzert lang nur einen(!) modischen Sack. Ganz anders als in ihren Videos, blendet sie die Dimension der Kunst aus. So sind auch ihre Haare zum schlichten Zopf gebunden. Hier werden ebenfalls keine Experimente gemacht, keine Materialien eingefügt, die normalerweise nicht auf Köpfen zu finden sind. Der Verzicht auf jede Dekoration im Bühnenbild ist bemerkenswert. Es gibt nur den sporadisch beleuchteten schwarzen Vorhang. Entgegen dem Bild, welches die Presselandschaft von ihr zeichnet, setzt Balbina (wohl vollkommen bewusst) auf Minimalismus statt Opulenz. Auf Reduktion statt Exaltation. Gelebter Purismus.

Was bleibt? Mal davon abgesehen, dass die Djembé-Version von "Langsam langsamer" eine schlimme Katastrophe war, konnten Fans eine sehr gut aufeinander abgestimmte Band und eine (trotz erneuter Erkältungssymptome) wirklich gute stimmliche Leistung bestaunen - Hut ab. Nur bin ich mit einer falschen Erwartungshaltung in diesen Abend gegangen: Versprochen habe ich mir eine Mischung aus Kunstausstellung, Modenschau und Hochkultur, bekommen habe ich ein ganz normales Konzert. Einen schönen Konzertabend, aber kein Erlebnis.