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Konzertbericht
Parklichter

Bands
Alice Merton
Dellé
Henning Wehland
Kompass
Lotte
Marcel Brell
Mine
Neupfundland
Phela
Philipp Poisel
Tristan Brusch
Vona

Locations
Kurpark



Datum: 04.08.2017

Parklichter 2017

Das gemütlichste Festival der Welt

Bad Oeynhausen (as)    Auch in diesem Jahr wollten die Parklichter die Zuschauer mit 13 Künstlern auf 3 Bühnen in den Kurpark locken. Bei 42€ Abendkasse und einem doch sehr ruhigen Line Up kamen nur 3800 Besucher. Dementsprechend entspannt ging es auf und vor den Bühnen zu. Philipp Poisel als Headliner; die musikalischen Highlights jedoch nicht auf der Hauptbühne: Mine, Neufundland und die Intimität des Theater im Park.

Philipp Poisel war Headliner der diesjährigen Parklichter. Foto: Tim Danielsmeyer

Die Parklichter 2017 starteten auf der Hauptbühne mit Kompass. Die junge Band aus Rheinland-Pfalz müht sich mit
Fotos zum Festival
Homepage der Parklichter
der Position als Opener, denn es füllt sich deutlicher langsamer als in den Vorjahren und mehr als ein sommerliches Sitzkonzert ist für Bad Oeynhausen noch nicht drin. Die Band versucht tapfer zu motivieren und so kommt es immerhin zu einem kurzen Crowdsurf des Sängers. Ein Durchlauf der "In deiner Großstadt"- EP ist jedenfalls kein Fehler. Die Bühne an der Wandelhalle wird von Neufundland eröffnet. Der Fünfer aus Köln macht eindeutig Spaß. Mehrstimmig und mit viel Spielfreude präsentieren sie ein Set mit nicht gerade typischen Songs. Intelligentes Drumming im anspruchsvollen Songwriting, mit gelungenen Texten verfeinert. Dazu der nötige Respekt gegenüber dem Kurpark: hier sei "die schönste Bühne, die wir je bespielt haben". Da haben sie sicher Recht. Songs wie "Oase aus Beton" oder "Und reicht dir das" überzeugen und wecken die Vorfreude auf das im Herbst erscheinende Debütalbum "Wir werden niemals fertig sein". Danach geht es auch im Theater los. Phela zeigt sich als gefühlvolles Gesangstalent. Dezent von Gitarre und Klavier begleitet, liegt der Fokus eindeutig auf der Stimme. Hier schlägt dann die Magie der Theaterbühne zu. Die Intimität und Direktheit dieser Konzerte sind ein tolles Liveerlebnis, was es so nur selten gibt. Bequem in den unseren Polstersitzen lümmelnd, erlaubt uns die warme Lichtkulisse geradezu ein Fallenlassen und Einkuscheln in diese Stimme und diese Musik. Hörtipp "Wieder alleine".

Nun sind alle Bühnen in Betrieb und das Festival läuft sich warm. Den passenden Sound dazu bietet Vona. Frisch und mit cooler Lockerheit zeigt er, dass Musik ihm viel Spaß macht. Das Klangbild bewegt sich irgendwo zwischen Justin Timberlake und Ed Sheeran und es wundert dann niemanden, dass er bei Chimperator unter Vertrag steht. Label-Kollege Teesy hat uns schon auf den Parklichtern 2014 sehr gut unterhalten. Weiter geht es an der Wandelhalle mit Tristan Brusch und das ist ein sehr spannender Auftritt. Nicht nur das Outfit (weiße Doc's, Streifenhose, Wolf-T-Shirt), sondern auch die Musik fällt in die Kategorie "Absurd" und ist genau deshalb absolut empfehlenswert. Neben Songs der "Fisch"-EP, gibt es Vorboten des angekündigten Albums. Vor allem auf "Zuckerwatte" können wir uns freuen. Nachdem Tristan sich eine Kippe aus dem Publikum geschnorrt hat, adelte er die Parklichter kurzum zum "gemütlichsten Festival". Dieser Auftritt ist dann auch in der Rückschau ein Highlight des Abends und für Fans von Künstlern wie Dagobert oder auch Balbina wärmstens zu empfehlen. Weil es recht zügig auf der Hauptbühne mit Dellé weiter geht, haben wir Lasse Matthiessen leider verpasst. Natürlich darf auf einem Open Air niemals Reggea fehlen. Hier ist er dann, präsentiert von Seeed-Star Dellé: Posaunen los. Mit Alice Merton folgt direkt der nächste Radio-Star. Mit "No Roots" hat sie den Lokalfunk unter fester Kontrolle, natürlich werden hier die Smartphones gezückt. Gesundheitlich angeschlagen, singt die in Großbritannien lebende - in Kanada aufgewachsene - deutsch-irische Musikerin (No Roots eben) leider nicht mit voller Stimme. Naja besser als Absagen.

Im Theater erwartet uns mit Marcel Brell der liebste Mensch. Mit sanfter Stimme haucht er Lieder über sein Leben. Er ist dabei sicherlich sympathisch, aber auch unendlich zahm. So lieb, dass "verkackt" für ihn ein schlimmes Wort ist. Diese Familienfreundlichkeit ist bemerkenswert. Sein Song "Im Theater" war im Theater sehr überzeugend. Wer Interesse an so etwas hat, sollte mal in "Sprechendes Tier" reinhören. Sind schöne Sachen bei. Auf der Hauptbühne ist Henning Wehland derweil "Der Letzte an der Bar" und singt "Der alte Mann und das Leergut". Auf der Bühne passiert dabei eine Menge, leider müssen wir schnell zurück ins Theater, damit wir Lotte nicht verpassen. Natürlich fing diese dann nicht pünktlich an. Danke Lotte. Trotz der besinnlichen Atmosphäre der Location, setzt die junge Musikerin auf eine Rockband. Schlagzeug und Gitarre geben ein flottes Tempo vor. In Lottes Liedern kollidieren Schwermut und Fröhlichkeit zu einer optimistischen Melancholie, die in der gehauchten Stimme ihren Klangkörper finden. Doch statt "der weiblichen Bosse" (so wird sie von der Presse oft bezeichnet), wirkt das alles wohl eher wie die weibliche Joris. Dieses Hauchen, dieses Keyboardspiel. Es tauchen immer wieder schöne Ideen auf, aber im Großen ist es nur mehr vom Selben. Dafür vorgetragen von einer druckvollen Band und einer Lotte die über die Bühne tanzt und springt. Nach "Fluchtreflex" geht es für uns zurück zur Wandelhalle. Mine hat dort nämlich pünktlich angefangen zu spielen. Ihr Meisterwerk "Ziehst du mit" ist auch ohne Fatoni ein sehr guter Song. Was daran anknüpft ist dann aber nur mit "Wow" zu bezeichnen. Selten ein so verrücktes Set auf den Parklichtern gesehen. Die Melange aus analoger und digitaler Musik trifft auf eine Stimme die zwischen Pop und Arie oszilliert. Die Songs zwischen Radio und Dreigroschenoper verlaufen quer zu Hörgewohnheiten. "Der fliehende Robert" ist ein Beispiel dafür. Zu der Zeile "Lass es regnen auf dich" verschwinden die Musiker von der Bühne, nur um mit Wasserpistolen ausgerüstet zurückzukehren und für Regen zu sorgen: Irre. Sowohl Song aus auch Album "Das Ziel ist im Weg" sind auf jeden Fall zu empfehlen.

Bleibt nur noch das große Finale: Philipp Poisel. Was soll man dazu noch sagen. Fans sind begeistert und alle anderen eher nicht so. "Auch wenn die Angst vorm Sterben weh tut" - solche Zeilen laden nicht zum Tanzen ein. Dieser Headliner ist einer fürs Herz, nicht für die Beine. So ist das Konzert eben auch ruhig und gemütlich. Inklusive Streich-Quartett und toller Arbeit an der Lichttechnik. Poisel hat viele Songs von der neuen Platte "Mein Amerika" mitgebracht, aber auch ältere Perlen wie "Eiserner Steg" und "Wie soll ein Mensch das ertragen", die selbst einen Muffel wie mich mitnehmen. Gekrönt werden die Parklichter 2017 von "Als gäbs kein Morgen mehr". Philipp tanzt nun wie ein Kobold über die Bühne und gibt noch einmal alles. Nur die Disco-Kugel wurde nie enthüllt. // Die geringe Zuschauerzahl resultiert sicherlich aus unterschiedlichen Fehlentscheidungen. Trotzdem war der Tag wirklich kein schlechter. Besonders die Nebenbühnen boten tolle Auftritte. Hoffentlich wird es 2018 auch auf der Hauptbühne wieder etwas mutiger im Booking und etwas liebevoller in der Umsetzung. Dann bleiben wir auch gerne treu.





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