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Konzertbericht

Bands
Against Me!
Milk Teeth
Mobina Galore

Locations
Fabrik
Live Music Hall



Datum: 20.12.2016

Frauenpower im Dreierpack

Mobina Galore, The Milk Teeth und Against Me! auf Jahresabschlusstour

Köln; Hamburg (dd)    Mit dem frisch erschienenem neuen Album Shape Shift With Me besuchten auch 2016 Against Me! Europa. Für fünf Konzerte machten sie, begleitet von Bands mit Frontfrauen, in Deutschland Halt. Besucht haben wir sie in Köln und einen Tag später nochmal in Hamburg kurz vor Ende der Europatour. Ob sich die Dopplung gelohnt hat und in wie weit sich die Strapazen der wochenlangen Europatour auf die Bühnenpräsenz der Acts auswirkten lest ihr hier.

An zwei Abenden hintereinander besuchten wir Against Me! in Köln und in Hamburg. Foto: Marcel Linke

Selten freut man sich so sehr auf eine Tour, dass man gleich zwei Termine hintereinander mit knapp 1000 Kilometern
Fotos zum Konzert in Köln
Fotos zum Konzert in Hamburg
Homepage von Against Me!
Homepage von Milk Teeth
Homepage von Mobina Galore
Fahrt auf sich nimmt, um das selbe Dreierpack an Bands zu begutachten, bejubeln und zu beklatschen.
Mitte 2016 veröffentlichten Against Me! mit „Shape Shift With Me“ das mittlerweile zehnte Studioalbum, dieses Jubiläum muss mit einer Tour so zuckertoll garniert werden wie Sahne heißen Kakao.

Dreimal englischsprachige Bands, dreimal astreiner Punk, dreimal Frauenpower. Mobina Galore und Milk Teeth begleiten Against Me!. Zu werten als ein Zeichen gegen die ‚Männerdomäne’ Punk initiiert von Against Me! transgender-Frontfrau Laura-Jane Grace?
Werten kann man diese These wie man mag, aus musikalischer Sicht überzeugt die Kombi auf jeden Fall.

Endsprechend groß ist meine Erwartung im Vorfeld.
Vor allem bin ich gespannt, wie die Bands sich in zwei Locations zurechtfinden, die von ihrer Beschaffenheit kaum unterschiedlicher sein könnten.
Die Live Music Hall in Köln besticht mit Größe, einer großzügigen, hohen Bühne, Schlichtheit, Platz und der Professionalität eines Konzert- und Veranstaltungsortes.
Im Gegensatz dazu steht die Fabrik in Hamburg. Ein Kulturzentrum, ausgezeichnet mit Architekturpreisen, sprühend vor Kreativität und Energie, mit Hang und Charme von viel do it yourself. Der rundum führende Balkon versetzt die bei Konzerten sonst so horizontale Betrachtungsebene in eine vertikale.
Die Bühne ist eng und kuschelig, vor allem während der ersten zwei Acts sorgen die zwei aufgebauten Schlagzeuge für Platzmangel.

Den Abend eröffnet das Punkrockduo Mobina Galore aus Winnipeg (Kanada). Sie beschreiben sich selber als „vocally aggressive power chord punk rock duo“. Keins dieser Worte dürfte in der Beschreibung fehlen. Eher würde ich sie ergänzen durch Beschreibungen wie: „mit unendlich viel Spaß an der Musik“, „der schönste kreisende Pferdeschwanz des Abends“ und „unermüdlich animierend“.
Dass die Band mich völlig überzeugt hat, dürfte hiermit klar sein. Auch zum Ende der Tour powern sie, als ob es das letzte Konzert ihrer Karriere wäre, geben alles und noch viel mehr.
Im Frühjahr kommt ein neues Album auf das ich gespant warte.

Im Gegensatz zur sprühenden Energie von Mobina Galore merkt man Milk Teeth die Strapazen des Tourendes an.
Unter dem Motto „Be nice or go away“ spielt die vierköpfige Band aus Stroud (England) unter Frontfrau Becky Blomfield. Die Müdigkeit ist allen ins Gesicht geschrieben, einzige Ausnahme bildet Schlagzeuger Chris Webb der zu fast dauerhaft lautstark mitsingt, das Publikum zum Applaus animiert und Anekdoten der Sängerin kommentiert (und das alles ohne Mikrofon).
Auf die Frage, warum er denn kein Mikrofon habe, wird geantwortet sie hätten es einmal versucht und er alle paar Minuten zum Stagedive aufgefordert.
Die Musik gefällt, wirkt aber nach der übernatürlichen Power von Mobina Galore doch eher müde und dämpfend.
Diese Stimmung schlägt sich auch auf das Publikum nieder, dass nur mäßig begeistert mitmacht.
Dass man eigentlich mit allen aus der Band super reden kann, sie locker und zu diversen Scherzen aufgelegt sind mag man so nur schwer glauben.

Kurz vor Against Me! steigt meine Aufregung, die Temperatur in den Veranstaltungshallen und der Druck vom Publikum nach vorne.
Bei einer meiner absoluten Lieblingsbands muss ich einfach weit vorne stehen und nehme dabei auch gerne mal ein paar blaue Flecken in Kauf.
Stück für Stück werden Instrumente entkleidet und gestimmt, letztendlich Banner und Schlagzeug enthüllt. Beide zieren ein schwarz-weißes Muster. Die Drumbase wiederholt in schwarzer Schrift auf weißem Grund den Bandnamen, das Hintergrundbanner dominieren Lippen, von geschlängelten Linien umspielt.

Unter Jubel beginnt der Hauptact seinen Auftritt, noch einmal steigen Spannung, Temperatur und Druck vom Publikum Richtung Bühne.
„True Trans Soul Rebel“ Song des 2014 erschienenen Albums „Transgender Dysphoria Blues“ als erstes Stück, haut rein, powert aus. Das Publikum hat Blut geleckt.
Mehr wird gefordert, mehr wird gegeben. Als ob sie schon immer existieren würden, fest mit Wurzeln der Band verwachsen fügen sich die Songs vom aktuellen Album an das bestehende Programm an. Immer schneller, immer mer „Pints Of Guinness Make You Strong“, „White Crosses“, „Dead Friend“.

Laura-Jane mit schwarzer Gitarre zum schwarz tätowierten Arm und schwarzem Outfit. Ungefähr nach der halben Spielzeit wird das Banner gewechselt und das schon bekannte Skullbanner gehisst.
Spätestens zu „Miami“ versagt meine Stimme, zu viel mitgesungen, zu viel gesprungen und getanzt. Eine Ausrede um Pause zu machen ist das allerdings keinesfalls. Die Musiker strahlen, sichtlich erfreut über das gut gelaunte Publikum, animieren wiederum die Zuschauer zu neuen Höchstleistungen im Moshpit und Mitsingen.
Dass Against Me! eine Band sind, wie für die Bühne gemacht, aus Auftritten zehren und jede Minute auf der Bühne genießen zeigt besonders der Elan, mit dem bis zum Ende der Tour gespielt wird. „The best thing is, that noone in this room voted for Trump!“ freut sich die Frontfrau und betont damit noch einmal, wie gerne sie zu dem Zeitpunkt genau an diesem Ort ist.

„Transgender Dysphoria Blues“, „I Was A Teenage Anarchist“ und „Black Me Out“ sind die letzten drei Lieder, die ein energiegeladenes Konzert mit abwechslungsreicher Setlist abrunden.
Ein besonderes Extra hat Laura-Jane Grace auf Fananfrage in Köln für die Zugaben.
„Baby I’m An Anarchist!“ singt sie alleine und begleitet sich dabei mit der Gitarre. „Train The Vain“, ein Cover von The Clash, „North Truth“ und „Sink, Florida, Sink“ beenden zwei perfekte Abende.

Keine der Locations hat der Stimmung einen Abbruch getan. Keine der Locations wirkte sich nennenswert auf Auftritt, Stimmung oder Professionalität der Bands aus. Verliebt habe ich mich trotzdem in den Charme der Fabrik. Spätestens zum nächsten Konzert von Against Me! werde ich dort auch auf jeden Fall wieder sein.
Im Frühjahr sind Touren von Mobina Galore und Milk Teeth in Deutschland geplant, im Sommer besuchen Against Me! diverse Festivals. Ich kann es kaum erwarten.