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Konzertbericht
Zelt-Musik-Festival

Bands
Patti Smith

Locations
Am Mundenhof-Tiergehege



Datum: 04.07.2012

Patti Smith beim ZMF in Freiburg

Patti Has The Power

Freiburg (me)    Sie gilt als die Godmother of Punkrock – und macht ihrem Titel auch noch mit 65 Jahren alle Ehre. Patti Smith eröffnete das 30. Freiburger Zeltmusikfestival in Freiburg mit einer ausverkauften Show, die das Zirkuszelt zum Kochen brachte.

Foto: Steven Sebring

Es gibt viele Dinge, die Patti Smithnicht mehr nötig hat: eine Vorband, eine coole Lichtshow, schleimige Ansagen à la „Ihr seid das beste Publikum, das ich jemals hatte“ und „Ich liebe Deutschland“, ihre Zuschauer animieren und zum mitsingen anregen. Wenn die Sängerin aus Chicago die Bühne betritt, merkt man sofort warum. Von der ersten Sekunde an umgibt sie so eine wahnsinnige Bühnenpräsenz, dass man sowieso nur noch an ihren Lippen und ihrer magischen, einzigartigen Stimme kleben bleibt. Hier zählt nur eines: die Musik! Ihr Kleidungsstil ist trotzdem so cool wie eh und je: Enge Jeans, weites kariertes Hemd, schwarzer Boyfriend-Blazer und klobige Schnürschuhe, die lässig nur bis zur Hälfte zugebunden sind.

Die Hälfte der Songs stammte vom neuen Album „Banga“

Gerade hat Patti Smith ihr mittlerweile zwölftes Studioalbum „Banga“ herausgebracht – von Kritikern bereits als eines ihrer besten Werke hochgelobt. In Freiburg kann sich das Publikum an diesem Abend selbst einen Eindruck davon machen. Fast die Hälfte der Setlist besteht aus Songs vom neuen Album: „April Fool“, „Fuji-san“, den sie nach dem letzten schrecklichen Erdbeben in Japan schrieb, die Ballade „This Is The Girl“, mit der sie Amy Winehouse beweint, „Maria“, ein Song für ihre verstorbene Freundin, die Schauspielerin Maria Schneider und „Nine“, ein Geburtstagsständchen für Johnny Depp. Für Stimmung sorgen im Publikum jedoch eher die alten Songs. Kein Wunder:  Die Zuschauer sind an diesem Abend im Durchschnitt eher 40plus, schwelgen bei Patti Smith in Erinnerung an ihre Jugend. Am Eingang weist ein Schild freundlich darauf hin: Keine Pause! Besteht das Publikum mittlerweile nur noch aus ambitionierten Theatergängern oder hat es so etwas bei Rockkonzerten in den 70er etwa gegeben? Junge Leute findet man jedenfalls kaum im Zirkuszelt wieder. Zu Unrecht. Denn von Rockikone Patti Smith kann sich so mancher Rock’n’Roll begeisterte Teenie eine Scheibe abschneiden.

„Gloria“ war wie immer der Höhepunkt des Abends

Das merkt man spätestens wenn sie ihre alten Hits zum Besten gibt. Jedoch muss sie zweimal kapitulieren: Text vergessen! Sorgen machen muss man sich um Patti Smith aber nicht. „Es ist einfach so wahnsinnig heiß hier“, versucht sie ihre Textlücke zu erklären und fügt lachend hinzu. „Wenn ich anfange meine alten Songs zu vergessen, könnt ihr euch freuen, weil ich dann nämlich nicht aufhören werden neue Lieder zu schreiben.“ So gibt es dann doch noch ihre Dauerbrenner „Pissing In A River“, „We Three“ und natürlich „Because The Night“ zu hören. Zwischendurch spielt ihre Band zum Teil ohne sie noch ein Medley aus „Night Time“, „(We Ain’t Got) Nothin’ Yet“, „Born To Lose“ und „Pushin’ Too Hard“. Gitarrist Lenny Kaye mit dem sie seit 1971 zusammen auf der Bühne steht, widmet es kurzerhand den Kamelen im anliegenden Tierpark. Und auch Schlagzeuger Jee Dee Daugherty spielte schon in den Anfangszeiten zusammen mit Patti. In einem Interview mit dem SZ Magazin verriet sie dazu kürzlich: „Wir spielen nicht viel anders wie damals im CBGB’s – außer dass wir uns als Menschen und Musiker weiterentwickelt haben. Wir kennen uns so gut, dass wir besser improvisieren können. Wir haben heute mehr Selbstvertrauen – und graue Haare.“ Dann kommt endlich der Song, der für viele den Höhepunkt des Abends darstellt: „Gloria“. Schon bei ihren ersten Zeilen „Jesus died for somebody's sins/But not mine" kann sich das Publikum nicht mehr halten. Dass es sich bei dem Song eigentlich um eine abgewandelte Coverversion von Van Morrison handelt, ist dabei allen egal.

Sie riss die Saiten ihrer Gitarre herunter

Als Zugabe kommt Patti Smith noch einmal für drei Songs auf die Bühne zurück und gibt zum Schluss einfach alles. „Banga“ vom neuen Album, „People Have The Power“ bei der das Publikum begeistert seine Fäuste in die Luft streckt und zum krönenden Abschluss „Rock’n’Roll Nigger“. Ein Song, der auch heute noch, 34 Jahre nach dem er auf Pattis Album „Easter“ erschien, niemanden mehr still stehen lässt. Eine Energie, die von der Bühne ins Publikum und zurück auf die Bühne schwappt und schließlich Patti – ganz in alter Punkrock-Manier – die Saiten ihrer Gitarre herunterreißen lässt. Mein persönliches Fazit des Abends: Mit 65 möchte ich bitte genauso cool sein wie Patti Smith!