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Warendorf, nicht Warenkaff

iFan Musik-Festival feiert grandioses Debüt

Warendorf (dd)    Von Fans, für Fans. Das ist der Grundgedanke des neuen Non-Profit Festivals in Warendorf. In der Kreienbaumhalle fand Samstag die erste Auflage statt. Music2Web waren für euch mittendrin.

Prinz Pi ist der erste Headliner des sympathischen iFan Festivals in Warendorf: Ein voller Erfolg. Foto: Marcel Linke

Warendorf, das liegt irgendwo zwischen Münster und Bielefeld. Die Stadt des Pferdes, wie der Beiname lautet, ist
Fotos zum Festival
Homepage vom iFan Musik-Festival
sogar bei den Acts angekommen und wird im Laufe des Abends mehrfach erwähnt werden.
Die Website der Stadt wirbt mit Wanderungen, Museen und Rad fahren. Höchste Zeit für was Lautes!

Schon weit vor der Halle tummeln sich die ersten Festivalbesucher, alle pilgern in Richtung der Kreienbaum-Halle.
Freigegeben ist diese für 1900 Besucher, es gibt noch Tickets an der Abendkasse, sogar ein vergünstigtes Kontingent für Schüler und Studenten ist für den Zweck zurückgehalten worden.
Die Sonne scheint, der Einlass hat vor 20 Minuten begonnen, anstehen brauchen wir nicht um durch die Einlasskontrollen zu kommen.

Über einen kleinen Außenbereich geht es direkt in die Halle. Die Merchstände und Aktionsflächen der Sponsoren sind geradeaus, am hinteren Ende der Halle aufgebaut und bilden einen Gang. Die Bühne steht an der Frontseite, das Banner von Abandon Hope schmückt schon deren Hintergrund. So ausgeleuchtet und ohne viele Fans davor wirkt sie riesig.
Noch eine halbe Stunde bis zum Beginn.

Ich ergattere noch 0,3l der 50 Liter Freibier, trotz allem wird ein Euro Pfand von mir verlangt, „damit die Becher nicht einfach auf den Boden geworfen werden“ klärt mich der Mitarbeiter der Biertheke auf. Dass das Konzept aufgehen wird, wird man im Laufe der Veranstaltung noch beobachten können.
Erst einmal orientieren.
Für das leibliche Wohl sorgt ein Pommes-Bratwurst-Burger-Stand in der Halle, Toilettenwagen gibt es mehr als reichlich im Außenbereich, die Aktionen der Sponsoren sind bereits angelaufen.
Es gibt unter anderem freie Shots und Zigaretten für die über 18-jährigen, Jute- und Turnbeutel, mobile (und schon aufgeladene!) Akkus, aufblasbare Gitarren und Kondome.
Außerdem beinhaltet das Programmheft diverse Gutscheine von Onlinestores und ansässigen Unternehmen. Auf einem Festival der Größe ein so super Sponsoring und so viele Aktionen verlangt alleine schon Respekt.

Victoria van Violence, grüne Haare, Bloggerin, Tattoomodel und die Moderatorin des Tages begrüßt die Besucher gut gelaunt.
Merkt man da zu Beginnen einen Hauch von Aufregung? Nach den ersten Sätzen wird sie sicherer, am frühen Abend bewegt sie sich über die Bühne, als hätte sie nie etwas Anderes gemacht und setzt sich sogar frech in Gazelle’s (Kapelle Petra) Klappstuhl (Thron).
Zwischen den Moderationen gibt sie Autogramme und macht Fotos mit Fans. Ich bin begeistert davon, wie geduldig sie sich mit den Besuchern beschäftigt und sich auch die Zeit für einen kleinen Plausch zwischendurch nimmt.
Auf ihrem Blog schreibt sie reflektiert und sachlich über ihr Leben. Themen sind alltägliche Begegnungen, Erlebnisse, Erfahrungen, Nachdenkliches und vegane Rezepte. Außerdem setzt sie sich für die Rechte von Tieren und gegen Nazis ein.

Abandon Hope (Fotos) eröffnen den Tag vor knapp 100 Leuten. Metal aus Münster, zwei erschienene Alben, ein neuer Gitarrist und unglaublich viel Liebe zur Musik.
Die Leidenschaft springt aufs Publikum über, dass der Band ein ebenso gutes Feedback gibt.
Nach dem Auftritt laufen die Jungs über das Gelände, stehen für Fotos bereit und unterschreiben auf den mitgebrachten Autogrammkarten.
Diese Liebe zu den Fans merke ich persönlich ganz am Ende des Tages, als ich mit Sänger Hommel ins Gespräch komme. Extra unterschreiben noch einmal alle auf einer Autogrammkarte, wir tauschen uns über Konzert- und Festivalerlebnisse aus, diskutieren über die Auswirkungen von Auftritten im Social Media bis wir von Securities, die die Halle zum Abbau räumen, herausbegleitet werden.

Den zweiten Act, oder besser gesagt die Frontfrau des zweiten Acts kennt man von The Voice of Germany.
Arising (Fotos) sind mit dem Fernbus aus Berlin eingereist und feiern das Release ihres Albums „Gegen den Verstand“ zusammen mit der nun gut zu einem Drittel gefüllten Halle.
Das Jazzy es richtig genießt auf der Bühne zu stehen nimmt ihr wirklich jeder ab. Sie kommt aus dem Grinsen nicht mehr heraus, stellt sich zwischendurch sogar hinter das Schlagzeug um gemeinsam mit Drummer Kri synchron zu spielen.
Leider stimmt die Abmischung vom Sound nicht. Ich tigere durch die Halle, bleibe mal vorne und mal hinten stehen und verstehe doch kaum ein Wort.

Spätestens zu Radio Havanna (Fotos) kommt die Party kommt in Schwung, es wird getanzt, gepogt, geklatscht und mitgesungen.
Die Texte sind auf deutsch und sozialkritisch, die Musik punkig und wer noch nicht aus den Texten heraus die anti-nationalsozialistischen Botschaften verstanden hat, der erkennt diese spätestens, als eine große Fahne mit „Kein Bock auf Nazis“ Aufschrift im Moshpit geschwenkt wird.
Zum ersten Mal heute bin ich außer Atem vom Tanzen.

Vor Kapelle Petras (Fotos) Auftritt findet der Wettbewerb zum besten Affenkostüm statt. Dieser ist schnell abgehandelt, die Geburtstagsparty steigt. Tatsächlich hat zum ersten Mal in der Geschichte von Kapelle Petra eins der Bandmitglieder Geburtstag: Es ist die Bühnenskulptur Gazelle (irgendwie kommt mir das dann doch von so manch anderen Auftritten bekannt vor). Aber auch Ficken Schmidt wird gebührend mit einem eigenen Song geehrt.
Das letzte Lied des Auftritts ist „Gazelle trainiert für Olympia“, die Fahne hält zwar nicht aber dafür hebt er Gewichte wie ein Profi.
Schlagzeuger Ficken Schmidt zieht sein persönliches Fazit direkt nach dem Auftritt: „Super schön!“, das kann ich so unterschreiben.

Zeit für einen Plausch mit Markus Schulte, einem der drei Organisatoren.
Die Drei haben mit einem Jahr Vorbereitungszeit ohne Vorkenntnisse ein Festival von Fans für Fans aus dem Boden gestampft. „Negative Einflüsse [von den „großen“ Agenturen] gab es [dabei] überraschender Weise nicht“.
Aber nicht alles lief glatt, so wurden im Vorfeld die Handtücher für die Bands vergessen, auf der Bühne will sich ja schließlich auch mal abgetrocknet werden. Gelöst wurden es mit Privatbeständen, weshalb einige lustig gemusterte Tücher mit auf die Bühne nahmen. Ein kleines Übel was im Publikum mit Sicherheit nicht aufgefallen ist.
Markus ist die Ruhe selbst, warum? „Ich weiß es selber nicht“. Es sei eine Mischung aus dem Gefühl gut organisiert zu sein, dem Talent zu Improvisieren und der Tatsache, dass man auf vieles keinen Einfluss hat und sich dabei von Profis unter die Arme greifen ließ.
Die Auswahl von Bands, Moderation und auch Sponsoren seien authentisch die Organisatoren und spiegeln deren Geschmack wieder, auch wenn hierbei Stile bunt miteinander kombiniert wurden. „Der Mix macht’s eigentlich.“
Ob es eine Neuauflage gibt sei noch unklar, erst einmal müssen die Eindrücke des Tages verarbeitet werden. Spaß gemacht habe es auf jeden Fall, außerdem sei die Organisation doch einfacher gewesen, als erwartet.
Wichtig sei es ihnen vor allem gewesen etwas für die Region zu machen. Aber auch Besucher aus Berlin, Hamburg oder Stuttgart seien herzlich willkommen.
Die Bands seien zufrieden mit dem Feedback vom Publikum, das Publikum gebe gutes Feedback zu den Bands, unterm Strich sind also alle zufrieden.

Pünktlich zum Auftritt von Itchy Poopzkid (Fotos) ist das Interview beendet.
Die Halle ist voll, die Stimmung kocht, der Boden bebt. Seit 15 Jahren gibt es das Trio schon, das Touren sind sie nicht müde, das Spielen definitiv auch nicht.
Man sieht den Jungs an, wie sehr sie den Auftritt genießen. Es wird grinsend musiziert, getanzt und Gitarrist Panzer surft sogar spielend auf einem Gitarrenkoffer, getragen von den Fans, durchs Publikum.
Gespielt werden Songs querbeet aller Alben, das Letzte erschien 2015 und trägt den Titel „Six“.
Der Moshpit ist groß, viele sehen die Jungs aus Eislingen als Headliner der Herzen, dementsprechend werden sie gefeiert, dementsprechend sind die Rufe nach einer Zugabe laut. Leider wird keine gewährt.

Während sich alle Bands mit eigenem Equipment und Banner im Hintergrund begnügten fährt der Hauptact des Tages mit eigenem Bühnenaufbau die ganz großen Geschütze auf. Prinz Pi (Fotos) hat mehrstöckige Podeste, riesige LED Bildschirme, Laserkanonen und sich öffnende und wieder schließende Vorhänge, hinter denen die Musiker stehen.
Es kommt mir so vor, als seien weniger Leute im Publikum als noch zu Itchy Poopzkid. Liegt es vielleicht am Genrewechsel? Auf jeden Fall ist es als Vorteil zu vermerken für alle, die da sind: Ein so intimes Konzert gibt es selten.
Trotzdem wird lauteres Mitsingen gefordert: „Wir sind hier in Warendorf und nicht in Warenkaff!“.
Pi spielt viel vom neuen Album „Im Westen nix Neues“.
Die Stimmung ist gut, zu älteren Songs wie „Kompass ohne Norden“ oder „Generation Porno“ besser.
Der letzte Song des ersten iFan Musik-Festivals ist „Gib dem Affen Zucker“.
Ich fordere: Gebt den Fans nächstes Jahr ein ähnlich gutes Festival!

Ob und wann das iFan Musik-Festival in nächstem Jahr stattfindet ist noch unklar. Wenn es sich etabliert ist es definitiv eine Bereicherung für die Region, da mit unter anderem dem Serengetifestival vieles an lokaler Festivalkultur verloren ging.

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